Erfahrungsbericht VI

VI. Abenteuer, Alltag, Ausdauer

Der Kalender zeigt den 01. März 2014, unsere Familienauszeit beläuft sich auf nunmehr 241 Tage. Für uns eine unglaublich lange Zeit, weg von zu Hause, von Familie & von Freunden.
Während die ersten Monate Abenteuer waren und die nächsten drei Monate den Alltag brachten, wenn auch ein anderer Alltag als zu Hause, haben uns die letzten Monate ganz andere Dinge beschert. Wir haben uns auf viele unterschiedliche Szenarien eingestellt, wir wussten, wir haben die Uhren und Afrika die Zeit. Nach vielen emotionalen Achterbahnfahrten in Kenia, sind wir über Berge und durch Täler gewandert.
Unsere erste Gerichtsverhandlung verlief gut, wir waren sehr aufgeregt und haben uns gefreut, uns für diesen Tag in Schale zu schmeißen. Die Verhandlung an sich war dann unspektakulär, dass Geschehen auf dem Flur vor dem Gerichtssaal war viel aufregender. Dort warteten über 100 Menschen, über 29 Fälle, die an diesem Tag bearbeitet werden sollten. Ein Bild, ihr könnt es euch kaum ausmalen. Zig Kinder in Begleitung von Oma, Opa, Mama und Papa, Anwälte, Sozialarbeiter, Geschwister und weiß der Geier wer noch. Alle kleidungstechnisch bunt gemixt und es war ohrenbetäubend laut. Nach zwei Stunden im Gericht, gingen wir glücklich von dannen.
Danach begann das Warten auf den Termin beim Childrens Department und wie erwartet, mussten wir 13 Tage warten, also Rückreise an die Küste und Neuanreise 12 Tage nach dem ersten Verhandlungstag. Leicht genervt waren wir, aber es ist wie es ist. Der Termin war dann eine interessante Erfahrung. Wir hatten Lebenslauf und Stammbaum im Gepäck und haben fleißig unsere Daten abschreiben lassen, vier Fragen beantwortet und fertig waren wir. Oh, das ging schneller als erwartet.
Jetzt reisten wir zurück, erwarteten den anschließenden Hausbesuch. Wir erkämpften uns einen Termin eine Wochen später und nach einer unaufgeregten Stunde war der Herr wieder verschwunden. Wir erhielten die Zusage, unverzüglicher Berichterstattung zum Childrens Department nach Nairobi. Doch wir lernten, Zeit ist nur für uns von Bedeutung. Der Herr hatte es nicht eilig und es dauerte ewig, bis er den Bericht aufsetzte. Danach dachten wir, geht es ratzfatz, doch weit gefehlt. Der Bericht vom Guardian at Litem lag noch nicht vor und wir telefonierten, klärten und schrieben E-Mails. Als dann endlich alle Dokumente bei unser Anwältin vorlagen erfuhren wir, dass in den verbleibenden zwei Gerichtsterminen im Dezember keine Verhandlungen des Familiengerichtes statt finden würden.
Das mussten wir dann erst mal verarbeiten, ein Richter fährt für Wochen in Urlaub, der Andere nimmt keine Fälle an oder bearbeitet sie, wir verlieren durch diese Regelung und in Anbetracht der nahen Ferien 8 ganze Wochen, ein Desaster. Klar wussten wir, worauf wir uns einließen, doch hier in der ungewissen Situation zu leben ist eine ständige emotionale Belastung. Ständig mussten wir uns auf das heute konzentrieren und nicht an morgen denken, das fällt uns einfach schwer, andere machen es vielleicht deutlich besser.
Zeitgleich ging ein Termin für die zweite Verhandlung ein: Ende Januar, also gut drei Monate nach der ersten Verhandlung! Das ist wirklich unübertroffen. Aber wir warten ab, mehr bleibt ja nicht übrig.

Unsere Familie hat sich eingespielt. Logan ist das vierte Teil eines vierblättrigen Kleeblattes und es ist, als wäre er nie nicht da gewesen. Er ist hungrig aufs Leben, Nein heißt bei ihm Ja. Er ist fröhlich, aufmerksam, lernbegeistert und er hat so viel Charme. Die beiden Brüder sind sehr unterschiedlich, sie zu beobachten und Gemeinsamkeiten zu entdecken oder halt die vielen Gegensätze, das ist ein Genuss, wie ihn nur Eltern empfinden können.
Afrika bezaubert mit seiner Landschaft, mit seinem Klima, mit seinem Meer vor der Tür, mit Freundlichkeit und mit Zeit. Zeit für die Familie, Zeit für Gespräche und Gedanken, Zeit für Spaß und Außergewöhnliches. Die Safaris sorgen für magische Momente und sie sind einfach eins der Highlights im Alltag hier. Sei es eine Fahrt zu einer Lodge, zu einem Zeltcamp, zum Wasserrutschenpark in Mombasa oder zu einem Besuch nach Akamba, der mit seinen großartigen Holzarbeiten und über 600 arbeitenden Menschen begeistert, oder sei es einfach nur ein Sonntag in unserem Lieblingsrestaurant „Normads“ am Strand mit Wellenbaden und Sandburgen bauen.

Den Jahreswechsel haben wir verschlafen, alle Vier, wieder etwas Neues. Wir sind hier an Grenzen gestoßen, wir, die es gewohnt sind, sich überall und frei bewegen zu können, sind hier 16 Stunden am Tag ans Haus gefesselt. Spielplätze werden schmerzlich vermisst, Spielscheunen ebenfalls, dafür gibt’s Pool und Meer im täglichen Wechsel. Wir haben uns arrangiert und jeder hat mal gute und schlechte Tage. Das Abenteuer Afrika bringt halt auch Langeweile und Frust mit sich, mehr als wir vermutet hätten. Die fehlende Internetverbindung und fast zwölf Wochen dauernde, unfreiwillige Kommunikationssperre macht uns zu schaffen.
Zum ersten Mal seit vielen Jahren, in denen wir ausschließlich mit dem Thema Adoption beschäftigt waren, haben wir Zeit und Ruhe, um über andere Dinge zu sprechen. Pflegekinder ist so ein Thema, der nächste Autokauf oder wie bauen wir das Haus um. Die Zukunft liegt vor uns und wir können sie gestalten und modellieren, eine schöne Aufgabe.
Wir sprechen über Schule für JJ und über Kindergarten für Logan. Wir sprechen über uns und was wir in Deutschland als allererstes Essen möchten. Im Jetzt zu sein ist schön, doch zu planen und in die Zukunft zu schauen ist ebenso aufregend. Frei leben zu können hat eine ganz neue Bedeutung für uns bekommen. Überall und jederzeit sein zu dürfen, ebenfalls. Musik ist eins der Dinge, die wir vermissen. Logan liebt Musik und es ist so ein Vergnügen, ihn beim lauschen von den Musikstücken zu beobachten. Er klatscht und wackelt auf seinen kurzen Beinen, sein Hintern schwing im Tackt der Musik. JJ hingegen braucht dringend Musikinspiration, er singt immer noch leidenschaftlich Weihnachtslieder. Wir sind unendlich stolz, denn er singt sie auf englisch, aber es wäre doch schön, wenn er im Februar etwas weniger weihnachtlich wäre.

Nach 241 Tagen haben wir seit 30 Stunden Gewissheit. Eine Gewissheit, dessen Inhalt man sich erst mal ganz genau bewusst werden muss und heute, heute ist es endlich bis in die letzte Zelle unseres Denkens und unseres Fühlens eingetaucht: WIR sind Eltern von Logan Navin Hamester! Gestern hatten wir unseren dritten Gerichtstermin und haben ein Urteil! Wir haben das Glück, zum zweiten Mal Eltern geworden zu sein und dieses Gefühl ist einfach unbeschreiblich. Logans Gesicht steht vor meinem geistigen Auge, seine Zartheit und seine Größe, seine Augen, sein Wesen – all das ist nun 8 Monate her und dieses Kind ist nicht mehr da. Logan hat sich verändert, entwickelt und er ist gewachsen, körperlich und geistig. Ich sehe JJ an unserem Abflugtag am Flughafen in Frankfurt und ich sah ihn heute am Pool, wo er total umsichtig für uns vier Phantasie-Abendbrot machte. Mit allen seinen Lieblingsdingen: Eiern, Kartoffeln, Möhren, eisgekühltes Wasser, Salz. Wir blieben länger im Pool als gedacht, weil der Große ein so unglaubliches Vergnügen darin hatte, für uns zu „kochen“ und der Kleine ein noch größeres Vergnügen darin fand, auf den von JJ aufgebauten Essplatz zu krabbeln, die Füße auf den Tisch zu packen und sich alles in Seelenruhe anzuschauen.
Wir, Claas und ich, trieben im Pool und wollten nicht rauskommen. Wir hatten einen perfekten Tag mit zwei außergewöhnlichen, wunderschönen, eigenwilligen, starken und beeindruckenden Kindern. Einen Tag, der voller Liebe, voller Wärme und voller Entspannung war.
Das nun, ab Montag, das Abwarten auf die kenianische Papiere, deutsche Rechtsprechung und einen deutschen Pass warten müssen, das ist erst morgen von Relevanz, heute, genau heute leben wir. Doch ein Lied kommt mir in den Sinn, es stammt von Xavier Naidoo:
„Dieser Weg wird kein leichter sein
Dieser Weg wird steinig und schwer
Nicht mit vielen wirst du dir einig sein
Doch dieser Leben bietet so viel mehr…“

Wer nach Kenia geht, der braucht Mut, Entschlossenheit, Kampfgeist, den richtigen Partner und vor allem Hoffnung. ZU unserem großen Glück und zu unserer großer Freude, haben wir das alles gefunden und noch viel mehr.

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.“ von Demokrit
Jetzt geht die Reise langsam zu Ende und wir können uns nicht vorstellen, ohne Pool, Meer, Wärme, Sonne und liebgewonnenen Freunden zu sein. Doch bis es so weit ist, haben wir noch Zeit, morgen wartet der Strand mit allen seinen Schönheiten und danach…

Familie Hamester im März 2014