Erfahrungsbericht V

Aus Abenteuer wird Alltag

Heute ist der 30. September 2013, seit genau 90 Tagen sind wir in Kenya. Fühlen Afrika, die Sonne, die Menschen und wir fühlen uns. Es ist lange her, dass wir einfach mal in den Tag gelebt haben, ohne Verpflichtungen, ohne Erwartungen, einfach nur sein, ohne Streben oder Warten.

Kenya hat seinen eigenen Rhythmus und wir haben Glück und können uns fallen lassen, die Tage so nehmen, wie sie kommen. Hier machen wir Pläne und ändern sie morgens wieder ab, weil das Wetter nicht mitspielt oder einer von uns. Unsere Tage beginnen mit viel kuscheln im Ehebett, lachen und toben. Bevor sich dann L. überlegt, dass er nun keine Minute mehr warten kann, bis es Frühstück gibt und dies durch lautes murren kund tut. JJ ist immer der Erste, der wach ist. Für uns Eltern liegt die Aufstehzeit immer irgendwie deutlich unter unserem Bedarf, aber auch das überstehen wir, immerhin gibt’s hier auch eine, zumeist mit schlafen verbrachte, Mittagspause! Unser Großer ist auf die Idee gekommen, das Tiptoi Buch „Die Welt der Musik“ zu starten und singt uns erst mal „Auf der Mauer, auf der Lauer“ vor. Auch wenn er wirklich gut singen kann, finde ich ab und an 5:30h doch etwas zu früh und so muss JJ sich wieder hinlegen, was nur mit Papi wirklich klappt.

Einkaufen in Diani ist immer ein zeitliches Erlebnis, unter zwei bis drei Stunden geht nichts mehr. Wir fahren mit dem gemieteten Auto die verschiedenen Geschäfte ab. Bei dem einen Supermarkt bekommen wir das günstigste Wasser und dort arbeiten die freundlichsten Kenianer hier. Davor kaufen wir immer unser Gemüse, der Händler hat gute Auswahl, stets frische Artikel und wir sind inzwischen sehr bekannt. Die Kinder stauben immer eine Banane vom Chef ab, wie viel Kinderliebe uns hier überall wiederfährt! Im Nakumatt, der größten Einkaufskette hier, vergleichbar mit dem Handelshof, nur nicht sortiert, kaufen wir immer die übrig gebliebenen Einkaufslisteninhalte ein.

Dort gibt’s diesen Artikel günstiger, hier den, wer ein bisschen schaut, der hat das schnell raus. Auch ist es ratsam, sich immer mit den Preisen auszukennen. Die Milchpreise sind um 60 kenianische Schillinge gestiegen, also 50%. Eine unglaubliche Steigerung, allerdings gilt das für alle Preise in Kenya.

Wenn wir Geld brauchen, dann ziehen wir immer die Höchstsumme von 40.000,-- kenianischen Schillingen, also ungefähr € 400,--, wobei wir sagen müssen, wir teilen immer durch 100, ist beim Rechnen einfacher und die Wechselgebühren müssen wir ja auch bedenken. Damit wir einen Überblick haben, führen wir Buch über unsere Ausgaben.

Dann lockt der Fischer direkt am Meer, wo daneben zwei Restaurants hintereinander sind, also es stehen ca. 10 Tische dort. Die ersten Fünf, direkt am Strand, gehören einem Geschäftsmann, die anderen Fünf, in zweiter Reihe sozusagen, gehören einem Anderen. Beim Erstgenanten sind die Beilagen besser, beim Dahinter die Fische. Die deutsche Bäckerei wird getestet, oder wir suchen in Monikas Safari Shop, ehrlich, so heißt er, nach deutschen Büchern, das E-Book kann echte Bücher meist ersetzen, aber halt nicht immer. Dort machen wir auch Photokopien oder mal eben Handy Passbilder für L., Kenia ist das Land der Improvisation. Mal gehen wir unser P.O.Box nach Postkarten für JJ absuchen. Wir haben nämlich einen Wettbewerb ins Leben gerufen. Wer JJ die meisten Karten schreibt, gewinnt ein Original Essen, also ein Kenianisches, wenn wir wieder zu Hause sind. Das macht jede Einkaufstour für unseren Großen zum Erlebnis.

Der Strand wird von Ebbe und Flut beherrscht, was uns Norddeutsche glücklich macht und vor allem unseren zwei Zwergen unheimliches Vergnügen bereitet. Dank des mitgebrachten ERGObaby Carrier für L., könnten wir jeden Tag am Strand lang laufen, doch fast Fünfjährige finden Spazieren gehen total irrsinnig. Für Kinder mit über 20kg bräuchten wir dann doch unseren UlfBo, den wir schweren Herzens zu Hause gelassen haben, wir waren ja Gepäcktechnisch am oberen Limit. Doch wenn die Flut da ist, der Strand nur noch ein paar Meter breit ist und nicht mehr gefühlte 100m, dann ist das Laufen anstrengend, du sackst ein und musst richtig Kraft aufwenden, um dich vorwärts bewegen zu können. Sein rotes, hier erstandenes – dank Nakumatt -, BMX Rad hilft JJ auch nicht und so bleiben lange Strandsparziergänge wohl eine Ausnahme. Dafür bin ich inzwischen eine Expertin in Löcher buddeln. Sobald ich die Schaufel raushole, quiekt L. schon vergnügt und wartet darauf, dass ich loslege. Ich habe kaum 10 Schaufeln rausgehoben, da krabbelt L. schon ins Loch und sitzt vergnügt lachend einfach nur drin. Ich versuche ihn heraus zu locken, keine Chance. Also grabe ich mich um ihn herum und wir erzählen uns Geschichten. L. brabbelt in Babysprache und ich quatsche, was mir gerade durch den Kopf geht. Wir beide beobachten immer wieder JJ und Papi, die auf der Sandbank herumlaufen, wenn sie denn da ist, oder die in den Wellen toben. Stand ist immer ein Erlebnis, die einsetzende Flut wird heiß erwartet. Unsere Wasserstraße soll sich mit Wasser füllen. Am Ende ist es überwiegend Seegras, der in unseren Sandburggraben fließt, aber da auch Wasser zu sehen ist, sind beide Kinder hellauf begeistert.

Weniger euphorisch wird vom kleinen L. alles was krabbelt beobachtet. Während der ersten Zeit war alles kein Problem. Doch urplötzlich sah er die fast durchsichtig scheinenden, total unterschiedlich großen, Krebse. Ihr Gang scheint unseren Sohn nervös zu machen und er zieht es vor, in meiner schützenden Umarmung zu sitzen und zu schauen. Der Große jagt die Krebse über den Strand, begutachtet die Löcher, ihre Größe und die schnellen Meeres-/Strandtiere mit großem Vergnügen. Darüber freut sich wiederum L., so sind beide Kinder glücklich.

Heute sind wir 90 Tage unterwegs, weg von zu Hause, ohne unsere Freunde und ohne unsere Familie. Interessant ist, das an einigen Tagen den Herz leicht und gelöst ist, du atmest Afrika ein und bist ruhig und glücklich. An anderen Tagen vermisst du alles, was zu Hause ist. Vor allem JJ hat Heimweh, das er aufgrund seines Alters nur schwer artikulieren kann. Uns kommt hier die heutige Technik zu Gute. Wir haben eine Skype Telefonnummer und JJ weiß genau, wo er schauen muss, damit er weiß, wer gerade Online ist. Er liebt es zu Skypen, den Headset auf dem Kopf, seine beste Freundin Matilda auf der anderen Seite und beide quatschen wie wir Großen: Wie war dein Tag? Was hast du im Kindergarten gemacht? Geht es dir gut? Sie kichern wie zwei Verliebte und wir freuen uns immer für Beide, dass sie sich so genießen können. Auch im Telefonieren ist JJ inzwischen richtig gut. Bevor er mit Opa telefoniert, malen Papa und er einen Leitfaden. An diesem langehangelt, kann JJ dann seine Erlebnisse etwas strukturierter rausbrüllen. Wieso brüllt man so, wenn man Skypt? Aber Opa hört schlechter und so versteht er dann wenigstens ein bisschen von dem, was JJ so erlebt hat.

90 Tage, ich wusste nicht, wie lang und wie kurz diese Zeit sein kann, es ist so spannend. Heute waren wir in Mombasa und haben ein neues Visum für uns drei besorgt, L. braucht ja noch keins, er ist noch Kenianer. Nach 30 unkomplizierten Minuten war alles erledigt, sogar die nächste Verlängerung können wir mit einem Schreiben vom Gericht, das aussagt, unser Prozess ist noch nicht abgeschlossen, hier beantragen. Wie wunderbar freundlich die Kenianer uns gegenüber sind. Nicht nur, dass der Chef der Abteilung uns sofort bediente, er freut sich sichtbar über unsere Adoption und gibt uns das Visum bis zum 02.01.2014. Kurz die Gebühren bezahlt, was länger dauert, als das Visum an sich und schon sind wir wieder draußen.

Wir sind gerüstet für die Gerichtsphase, diese beginnt am 10. Oktober 2013. Da am Tag davor unsere Pflegezeit offiziell beendet ist, können wir an dem Tag unseren Gerichtstermin beantragen. Gut zurzeit beantragt unsere Anwältin einen Termin, damit wir einen Gerichtstermin vereinbaren können. Das ist Kenia, alles wird irgendwann, irgendwie umgestellt, nicht immer zum Schlechten, aber halt auch nicht immer zum Guten. Auf unserer internen Rechneruhr fehlt noch ein Sozialarbeitertermin, drei Termine mit dem Guardian ad Litem und ein Termin mit dem ortsansässigem Herren des Children Departments, sowie nach der ersten Verhandlung das lange Gespräch im Children Departments in Nairobi.

Die Anzüge meiner Männer werden wöchentlich gereinigt, damit sie bei der Luftfeuchtigkeit keinen Schaden nehmen, mein Kleid wird nach Begutachtung umgehängt. Claas schwarze Wildlederschuhe haben es nicht geschafft, sie waren weiß, voller Stockflecken. Unsere Hausmanagerin hat sie wieder hinbekommen, halt nur glatt poliert.

Wir freuen uns auf Nairobi, suchen uns ein Hotel in Karen und werden uns mit einem vertrauten Fahrer, den wir ja bereits am Anfang so angenehm fanden, durch die Hauptstadt fahren lassen. Wir sind vorsichtig, das ist auch gut so. Immerhin sind wir für unsere zwei wunderbaren Kinder verantwortlich. Doch wir fühlen uns hier sicher, so sicher, wie man heutzutage überall auf der Welt ist. Nichts ist kalkulierbar und alles kommt, wie es kommen soll.

Nach 90 Tagen sind wir mehr Familie geworden. L. profitiert von seinem großen Bruder, den er leidenschaftlich bewundert und wo er sich alles abschaut, die guten und die schlechten Dinge, so ist das mit Brüdern. Allerdings behauptet er sich mit seinen 17 Monaten bereits und zeigt JJ deutlich, was er will oder halt auch nicht. Jedem Tag, der uns an Grenzen bringt, folgt ein neuer Morgen. Jedes Ereignis festigt uns als Familie und fordert uns und die Jungs. Beides sind „Gucker“, die so neugierig auf diese Welt sind, wie es jeder von uns sein sollte. Beides sind Wasserratten und Genussesser und doch sind sie unterschiedlich wie Tag und Nacht. Es ist ein Vergnügen sie beide zu beobachten und sie zu genießen. JJ genießt das tägliche Schwimmen, er macht das unglaublich toll und kann inzwischen tauchen, lange die Luft anhalten, springen und nun auch noch schnorcheln.

Wir sind gerne in Kenya, aber wir haben auch gelernt, wie großartig unser Zuhause ist. Das unsere wunderbaren Freunde vermisst werden oder das Brot & Wurst einfach unvergleichbar gut schmecken, wenn wir sie in unserem eigenem Heim genießen. Dann bringt der Fischermann uns frisch gefangenen Papageifisch oder der Gemüsemann frische Mango & Ananas und wir sind wieder hier, in Kenya.

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne!“ von Hermann Hesse

„Für uns hat Afrika ein Zauber. Hier ist der Anfang von Familie und von Zeit füreinander, dessen Ende offen ist. Hier ist der Platz zum sein, nicht im Morgen oder im gestern, heute, genau heute leben wir.“

Familie H. im September 2013