Erfahrungsbericht IV

Abenteuer

Wir haben den 02. August, vor genau einem Monat begann unser großes Abenteuer. Jetzt sitze ich alleine unter dem großen Dach des Hauses und nach einem riesigen Temperatursturz von drei Grad, trage ich auch noch eine Fleece Jacke, wohlgemerkt bei Wind, Regen und 24 Grad! Meine drei Männer schlafen tief und fest, es ist Mittagszeit…!

Nach über 30 Monaten haben wir es endlich geschafft und durften losfliegen. Zu Beginn der Reise Adoption in Kenya erscheint einem das Ziel unendlich nah, doch alles dauert, so lange wie es dauert. Was die Aussage bedeutet: „Wir haben die Uhr, Afrika hat die Zeit“, wird uns erst im Laufe der vielen Monate des Wartens klar. Wir benötigten Papiere für unseren großen Sohn und die dauerten in Deutschland viel länger als geplant und dann kamen die Wahlen 2013 und immer die Unruhe, ob Kenya stabil bleibt. Im Juni kam der langersehnte Anruf und nach einer monatelangen Planungsphase kam die Umsetzung und so stiegen wir am 02. Juli ins Flugzeug. Mit Kind ist ein Nachtflug hierher nicht zu empfehlen, keiner bekam Schlaf und übermüdet standen wir am Nairobi Airport. Wir wurden von einer total sympathischen Sozialarbeiterin der Adoption Society abgeholt und mit Brain durch die Stadt gefahren. Ein absolut wahnsinniger Sonnenaufgang begrüßte uns und unsere müden Seelen, hier in dem Land unseres zweiten Sohnes – welch ein Traumstart. Zu Nairobi sei kurz gesagt: Rushhour, immer und zu jeder Zeit, ohne dass wir erkennen konnten warum und wan; laut, aktiv, dynamisch, verrückt, großartige Fahrer mit viel Übersicht und der Gewissheit, hier auf keinen Fall Auto fahren zu wollen.

Eine dreistündige Schlafpause verschaffte uns Dreien einen Energieschub für das Kennenlernen unserer Krabbe. Wieder wurden wir vom gleichen Duo abgeholt und zum Thomas-Bernado-House gefahren. Es ist Mittwoch, die Kennenlernphase dauert 5 Tage, Entlassung mit dem Kind ist immer Dienstag oder Donnerstag und somit wissen wir, wir haben sieben Tage vor uns.

Das Gelände ist groß, viele kleine Gebäude, wir werden im Sekretariat freundlich begrüßt und nach 25 Minuten kommt eine Nanny mit unserem kleinen, erst 14 Monate alten Sohn auf dem Arm herein. Große Augen, schüchtern und ganz winzig. Der Moment ist als wenn dein Herz aufgeht und all die angestauten Gefühle mit Wucht an die Oberfläche platzen wollen. Doch für unseren kleinen Familienzuwachs ist es besser, wenn wir ruhig und entspannt sind. Doch hier, vier Wochen danach, empfinde ich den Moment noch einmal und die Tränen treten mir in die Augen, weil Glücksgefühle und Liebe sie verursachen, genau wie damals in Nairobi.

Die nächsten Tage sind individuell, wir verbringen mal 7 Stunden, mal nur 3 Stunden im Heim. Neben L. ist auch J. unser Sohn und mit 4,8 Jahren braucht auch er Zeit, das erlebte zu verarbeiten, Fragen zu stellen und zur Ruhe zu kommen. Wir leben im Rhythmus des Heims und lassen uns alles erklären, wir lernen Stoffwindeln zu wechseln, die Vaseline zu benutzen, zu füttern und zuzuhören. Zuhören ist wichtig, nur dann spürt man die Afrikanische Liebe, sie ist rauer als bei uns, aber genauso herzlich. Die Nannys sind super lieb, erklären immer alles so häufig, wie du es brauchst und auch dann, wenn du es nicht mehr brauchst. Der einzige Mann, unsere Bezeichnung: Der Mann für alle Fälle, ist bezaubernd zu den Kindern. Die Babystation ist ein kleiner Pavillon, mit einem Arztzimmer, zwei Schlafräume für die Kinder 12-24 Monate, einem Wickelraum, ein Babyzimmer für die unter 1 Jahr alten Kinder, Sanitärräume, einer Küche mit Tresen und davor Stühle, Kindersitze und zwei Sessel und einem Spielraum für die „Großen“. Draußen ein toller Spielplatz mit viel Rasen, alles eingezäunt, nur für die ganz kleinen.

Wir lernen uns die Schuhe auszuziehen, einen Kittel überzustreifen, Hände gründlich zu waschen und interne Schlappen anzuziehen. Wir dürfen uns dann im Haus frei bewegen, unseren Sohn in Empfang nehmen und zu wickeln wenn es Zeit dafür ist und zu essen, wenn es Essen gibt. Bei wunderbarem Wetter haben wir das Glück, unseren Zwerg im Garten kennen zu lernen. Wir können ungestört kleine Schritte aufeinander zu machen und JJ kann den tollen Spielplatz nutzen.

Nach so fünf Tagen merken wir, L. fängt an uns zuerkennen und er fängt an zu begreifen, dass wir gehen. Wir müssen lernen, dies zu akzeptieren und nicht zu empathisch zu sein, sonst würden wir beide abends weinen. Die letzten Tage sind hart, doch auch die gehen vorbei und nach viel Bürokratie dürfen wir L. mit uns nehmen.

Genau wie sein Bruder ist er hellwach und ein Gucker. Seine Augen versuchen all die neuen Bilder auszunehmen und zu verstehen. Nach langer Autofahrt – mal wieder Rushhour – sind wir in unserem Apartment, das wir gestern noch mal kurzfristig wechseln mussten, auch das ist Afrika.

Die nächsten fünf Tage in Nairobi sind anstrengend, zwei Kinder, unterschiedliche Bedürfnisse, kein Spielplatz mehr, unbekannte Umgebung, schlaflose Nächte, Besuche bei der Anwältin und ansonsten warten auf den Flug am Samstag nach Ukunda.

Um 5 Uhr früh geht’s aus dem Bett, die letzten Sachen einpacken, Frühstücken, Windel wechseln, Spielzug einsammeln, die Räume auf Gegenstände untersuchen, vor allem ständiges auf dem Boden rumrobben, irgendwie scheint immer alles unter Möbeln zu verschwinden. Wir hatten schon fast vergessen, wie es ist ein Baby im Haus zu haben und amüsieren und königlich, wo überall Zeug zu finden ist. Um 6:15 Uhr steigen wir ins Taxi, viel Zeit für die Straßen Nairobis – kein Stau am Samstagmorgen um diese Zeit, noch mehr Zeit für die Abwicklung unseres Gepäckes von 120kg, keine Airline garantiert die Mitnahme. Also dachten wir, wer zuerst kommt, malt zuerst und siehe da, um 7:30 Uhr verschwinden alle unserer Gepäckstücke im Bauch der 30 Personen Maschine von Air Kenya. Nach afrikanischen 35 Minuten Verspätung und gefühlten 30 Minuten über das Rollfeld düsen, landen wir nach 1,5 Stunden Flug in Diani. Wir können das Meer noch sehen, bevor wir sinken und JJ wird richtig aufgeregt. L. hat das Spektakel verschlafen und schloss 10 Minuten nach Abflug die Augen.

Wir stehen auf einem winzigen Airport, ein Haus, eine Landebahn, zwei Gepäckträger. Während unser Gepäck verladen wird, steigen schon wieder neue Passagiere ein, ihr Rückflug nach Nairobi. Mit zwei vollgepackten Gepäckwagen schieben wir uns über Schotterpiste durchs Tor vor das Flughafengebäude. Ein großer, stämmiger und über das ganze Gesicht strahlender Simon wartet auf uns, in der Hand ein Schild mit unserem Namen. Er verlädt mit Claas unser Gepäck hinten und vorne und wir nehmen Platz. Die Luft ist wärmer als in Nairobi, die Sonne lacht, es gibt Wolken. Smalltalk folgt zwischen Claas und Simon, ich unterhalte die Zwerge. Nach 15 Minuten, die meine zwei Söhne mit anschauen der Gegend, durch die wir Fahren verbringen, biegen wir von der Straße in eine kleine Schotterpiste, ca. 700m schätze ich, zweimal abbiegen und dann halten wir hinter einen Toyota Wagen. Wir sind angekommen an unserem zu Hause für die nächsten 9 Monate, unsere Hausherren begrüßen uns  sehr herzlich, jeder schüttelt uns die Hand, jeder freut sich. Wir werden mit Essen versorgt und Getränken und die Kinder schauen sich neugierig um.

Es ist Winter in Kenya, Wolken und Regen sind genauso häufig, wie warme Sonnenstrahlen auf unserer Haut. Wir hören Buschbabys und Grillen, Zugvögel (es klingt jedenfalls so) über uns, Affen und die Wachhunde, die uns nachts beschützen. Wir besuchen das EfA Village und seine Besucher. Wir toben täglich im Pool, auch bei Regen lassen wir Nordlichter uns nicht davon abhalten. Wir lachen mit den Kenianern, die herzlich und freundlich sind und unglaublich geschickt im Geschäftemachen. Täglich haben wir sowohl Sonne, als auch Regen. Wir erleben Mondaufgänge und den wunderbaren, weißen Strand, der fast Menschenleer ist um diese Jahreszeit hier. Das langsame Leben müssen wir nicht lernen, es passiert hier einfach, ohne dass du Einfluss darauf hast. Claas vergisst täglich welchen Tag oder gar welches Datum wir haben. Wir spielen, lachen, kämpfen, erleben, bewundern und genießen Afrika und unsere beiden Söhne.

Der eine Visuell und vorsichtig, der andere kleiner, doch umso mutiger, lebenshungriger, neugieriger. Vor drei Wochen bekamen wir ein Baby, das noch Milch trank und feste Zeiten brauchte, damit er nicht verloren geht durch den Verlust des Altbekannten. Heute will er alles, was wir essen und trinken, er ist klar in seinen Gesten und zeigt so deutlich was er will, er ist ein Sprinter – wie das wohl wird, wenn er auf zwei Beinen läuft und nicht mehr krabbelt? Und er ist ein Schläfer, so 13 Stunden pro Tag, eine mittags – exakt Eine – und den Rest in der Nacht. Wir dürfen das zweite Mal Eltern werden und dieses Mal ist es anders, langsamer und zugleich schneller, ruhiger und zugleich aktiver, fröhlicher und entspannter. Der Kleine liebt den Großen, eifert ihm nach, bewundert ihn. Der Große genießt Pool und kämpft mit dem Verlust seines kleinen Universums und seiner Position in der Familie. Zwei Kinder, zwei Erwachsene, unterschiedliche Rhythmen, unterschiedliche Vorstellungen und Bedürfnisse, Kompromisse und Kommunikationen – einfach Familie werden…Pole Pole – so sagt der Afrikaner… ganz langsam…

Familie H.
August 2013