Erfahrungsbericht IV

Das Dach Afrikas und seine starken Frauen

Dieser Tage ist es gut ein Jahr her, dass wir den Entschluss gefasst haben nach Äthiopien zu reisen. Wir hatten nur knapp 10 Tage Zeit, wollten aber die Reise in das Land, aus dem unser künftiges Adoptivkind stammen wird, nicht weiter aufschieben.

Mein Mann hatte an der Idee sehr schnell Gefallen gefunden, ich brauchte hingegen noch die ein oder andere Überlegung, vor allem im Zusammenhang mit meiner Gefühlswelt. Es gingen mir verschiedene Fragen durch den Kopf: Wie wird es sein in das Land zu reisen, aus dem wir unser Familienmitglied eines Tages adoptieren werden? Wie wird es sein, Land und Leute gesehen zu haben und doch erstmal wieder ohne „Kind“ nach Hause zu reisen? Wird es gefühlsmäßig auszuhalten sein in der schon ohnehin sehr emotionalen Wartezeit? Nach reiflicher Überlegung überwog auch bei mir die Neugier, das Interesse jenes Land kennen zu lernen, aus dem unser neues Familienmitglied stammen wird. Jegliche Bedenken waren auf einmal wie weggeblasen. Vielmehr beschäftigte uns jetzt die Fragen, wie riecht und schmeckt es in dem Land, in dem „Du“ geboren wurdest? Wie ist das Licht, das die Landschaften bedeckt? Wie hört sich „Deine“ Muttersprache Amharisch an, und wie schmeckt das Nationalgericht, Injera? Wie verläuft eine Kaffeezeremonie? Wie schaut die Landschaft aus, ist es wirklich so schön, wie es in Reiseführern beschrieben wird? Wie wird die Begegnung mit Äthiopiern sein, wie werden sie sich uns gegenüber verhalten?

Heute befinden wir uns immer noch in der Wartezeit auf den Vorschlag, was sich mittlerweile wie eine Ewigkeit anfühlt, aber wir können sagen, dass die Entscheidung - vor dem Kindervorschlag nach Äthiopien zu reisen - für uns die richtige war, um ansatzweise ein Gefühl zu bekommen, was uns eines Tages erwarten wird, wenn wir zum Vorschlag nach Äthiopien reisen. Wir danken Frau Müller von EfA und dem Jugendamt, die uns animiert haben diese Reise zu unternehmen. Es war ein ganz wichtiger Schritt für uns, den wir nicht mehr missen möchten und jeden an ans Herz legen können.

Nach den notwendigen Impfungen und den Erhalt der Visa starteten wir unsere Reise nach Äthiopien am 12.11.2011. Am Flughafen von Addis Abeba trafen wir unseren Reiseführer Hiob der uns von der ersten Sekunde angenehm vertraut war. Es lag sicherlich auch daran, dass Hiob als 12 Jähriger mit seiner Familie von Addis Abeba in die Nähe von Frankfurt zog und dort sowohl die Schule besuchte als auch eine Ausbildung absolvierte. Erst vor gut zwei Jahren war er nach Addis Abeba zurückkehrt und sein hessischer Dialekt war noch erkennbar. Die Gespräche mit ihm über Äthiopien, seine Zeit in Deutschland aber auch über unsere geplante Adoption waren ein großer Glückstreffer für uns. Wir haben die vielen Gespräche mit ihm fast förmlich aufgesogen, da er sowohl die Äthiopische als auch die Deutsche Mentalität versteht und uns so noch mehr in Äthiopien eintauchen ließ. Er hat uns vieles vermittelt und die Äthiopische Kultur, Religion und Historie ein Stück näher gebracht. Noch heute sind wir mit Hiob in Kontakt.

Axum

In Hiobs Begleitung nahmen wir die „klassische“ Reiseroute in den Norden, ins kühlere und karge aber faszinierende Hochland. Wir haben Addis Abeba, Gondar, Lalibela und Axum mit seinen vielen historischen Bauten und Geschichten kennengelernt. Besonders beeindruckt haben uns die Felsenkirchen in Lalibela als ein Teil des Weltkulturerbes (Kirche Bete Gyorgis) und der grandiose Ausblick auf den "Grand Canyon", die Stelen in Axum, die Alte und Neue Kathedrale Maryam Sion, wo sich die Bundeslade befinden soll, die Schlösser und Kirchen in Gondar. Wir erlebten wie die Äthiopier ihre christlich orthodoxe Religion praktizierten und welche fundamentale Rolle die Kirche spielt. Wir haben äthiopische Menschen kennengelernt, die uns nicht nur Ihre Sehenswürdigkeiten erklärt haben, sondern haben uns auch mit ihnen ausgetauscht, mit ihnen die traditionelle Kaffeezeremonie abgehalten, die Nationalspeise Injera in verschiedenen Restaurants gegessen sowie einen traditionellen äthiopischen Abend mit Tanz und Musik genossen. Wir waren von dem gefangen, was wir alles sehen durften und haben es ausgesprochen genossen, ein kleines Stückweit in die afrikanische Umgebung eintauchen zu dürfen.

Trotz der herrschenden Armut und des beschwerlichen Lebens haben wir auch viele lachende und fröhliche Menschen gesehen – sowohl Kinder als auch Erwachsene – dieses ist in sehr starker Erinnerung für uns geblieben. Auf der anderen Seite waren dort auch traurige Kinderaugen, die erahnen lassen, wie arm das Land ist und somit die Menschen sind. Barfuß rennen sie über Stock und Stein und nach unseren Vorstellungen völlig verwahrlost. Die kleinen Mädchen, die schon mit 14 Jahren ihre kleineren Geschwister auf dem Rücken tragen und dennoch hart arbeiten, die kleinen Jungen, die auf einem Holzkarren, der von einem Rind gezogen wird, bei der Arbeit helfen oder gänzlich die Ziegenherde bewachen. Vieles mehr haben wir beobachtet, Kinder, die morgens in ihren "Uniformen" zur Schule gehen, Frauen, die mit Holz bepackt steinige Wege zu ihren Dörfern gehen, dazwischen spielende Kinder bis zu einem Mann der seine kranke Frau auf einem Esel reitend zum nächsten Arzt brachte. Das alles war schon sehr bewegend und hat sicherlich die Spitze so manch eigener Probleme genommen. Im Anschluss sieht man vielerlei mit anderen Augen. Es gäbe noch weit mehr zu erzählen, angefangen von dem blauen Himmel, die unzähligen exotischen Motive im äthiopischen Alltag bis hin zu den Gerüchen von Eukalyptus, Weihrauch und Dieselabgasen. Ganz besonders sind uns die Gastfreundschaft und die Offenheit aufgefallen, mit der man uns begegnete, was uns nachhaltig beeindruckt hat. Äthiopien ist mit einer bemerkenswert reichen Kultur gesegnet. Ein stolzes und würdevolles Land mit großer Tradition, das den Anschluss an das 21. Jahrhundert sucht. Völlig überwältigt von neuen Eindrücken und Emotionen kehrten wir damals von unserer Äthiopienreise zurück.

Der Höhepunkt unserer Reise war sicherlich die Begegnung mit Dr. Abebech Gobena, eine Frau, die in Äthiopien als "Mutter Theresa Afrikas" oder auch als „Mother of Many“ bezeichnet wird. Sie betreibt seit 1980 ein Waisenheim für Kinder von 0 bis 18 Jahren in Addis Abeba. Zur Klarstellung möchten wir an dieser Stelle darauf hinweisen dass es sich hierbei um kein Waisenheim von EfA handelt und aus diesem Waisenheim auch keine Kinder adoptiert werden können. Die Organisation um Dr. Abebech Gobena begleitet die Kinder bis zur und durch deren Ausbildung. Ihre Organisation wird u.a. in einigen Projekten von der Karl-Heinz Böhm Stiftung „Menschen für Menschen“ unterstützt, was wir erst später festgestellt haben.

Axum

Wir hatten unverhofft die Gelegenheit ihr Waisenheim zu besuchen und mit ihr selbst vor Ort zu sprechen sowie Kaffee zu trinken. Es war ein sehr bewegender Augenblick als wir sie kennenlernen durften, den wir kaum in Worte fassen können. Auch für Hiob war es ein großer Moment, da er nicht geglaubt hatte, dass wir bis zu Dr. Abebech Gobena vorgelassen werden, obwohl es seine Idee war, dass Waisenhaus in einem der Armenviertel von Addis zu besuchen. Als alle Erinnerungsphotos gemacht waren, konnten wir uns von der Organisation und von der Sauberkeit inkl. der Spielzimmer und Schlafzimmer der Kinder ein Bild machen. Wir haben mit den Kindern gespielt und waren überwältigt von der Güte, Wärme, Offenheit, Großzügigkeit und Selbstlosigkeit dieser Frau. Spontan haben wir eine Patenschaft für ein kleines Mädchen übernommen, dass uns Dr. Abebech Gobena zugedacht hatte. Wir haben unsere Patentochter kennengelernt und haben mit ihr einige Zeit verbracht. Wir haben uns vorgenommen unser Patenkind bei unserer hoffentlich nicht in allzu großer Ferne liegenden nächsten Reise nach Addis wieder zu besuchen. Es war herzzerreißend und berührt uns im Nachhinein noch sehr, weil wir beide so etwas noch nie erlebt haben. Da sind die kleinen Menschenkinder, die ohne Liebe und Fürsorge eigener Eltern aufwachsen müssen und die wir am liebsten alle in den Arm nehmen möchten.

Nach der Reise lasen und empfanden wir das Buch "Alle meine Kinder" - die Geschichte von Dr. Abebech Gobena ist sehr ähnlich – völlig anders. Wir können uns nun die Umstände besser vorstellen, die in dem Buch so eindringlich beschrieben werden und nur bestätigen, dass die Wirklichkeit hiervon nicht abweicht. Wenn man es nicht selbst gesehen hat, ist es ja nur schwer vorstellbar.

Diese Reise rundete in einem wesentlichen Teil unsere Vorbereitung ab und zeigte uns, was uns erwarten wird. Für uns bedeutet es ein weiteres "JA" auf dem Weg zu unserem Adoptivkind aus Äthiopien und hat uns bestätigt sowie bestärkt, dass wir mit der Adoption eines äthiopischen Kindes das Richtige machen, nämlich Eltern für ein äthiopisches Kind zu sein. Wir freuen uns auf den Tag, an dem es endlich wieder zurückgeht!

Was wir in den "wenigen" Tagen erlebt haben, übersteigt sämtliches Vorstellungsvermögen. Wie gut, dass wir alles in unserem Adoptionstagebuch festgehalten haben. Diese Reise zu machen, war die absolut richtige Entscheidung! Die Eindrücke wirken bis heute sehr stark nach und wir reden viel über das Erlebte – die schönen Eindrücke helfen die Wartezeit besser durchzustehen.

dehna hunu in Äthiopien...