Reisebericht II

Eine Reise in den Süden

Im Oktober 2010 haben mein Mann und ich uns entschlossen, ein Kind aus Äthiopien zu adoptieren. Es war und ist die Begeisterung meines Mannes für diesen Kontinent, die sich auf mich übertragen hat und die ich nun schon lange teile. Damit aber auch ich vor der Adoption Afrika und vor allem Äthiopien kennenlerne, haben mein Mann und ich uns entschieden, im Dezember 2011/Januar 2012 für 16 Tage den südlichen Teil Äthiopiens zu bereisen.

Nach einem langen Flug mit Zwischenstopp in Istanbul landen wir mitten in der Nacht in Addis Abeba, verbringen ein paar Stunden im Hotel und fahren am nächsten Morgen mit 4 weißen Jeeps, 4 einheimischen Fahrern, einem äthiopischen Koch, 12 Afrika-Neugierigen und einem deutschen Guide des Reiseveranstalters Hauser Richtung Süden Äthiopiens.

Es ist eine lange Reise. Viele tausend Kilometer liegen vor uns. Und viele neue Begegnungen. Der Süden Äthiopiens gilt als ein „Museum der Völker“. Nirgendwo sonst leben so viele verschiedene Ethnien so dicht nebeneinander. Unsere Reise führt uns nach Langano, einem großen See mitten im Afrikanischen Grabenbruch, weiter nach Shashemene, wo die Rastafaris eine Heimat gefunden haben, Arba Minch, dann in den Konso, nach Turmi, zu den Omoraten, nach Yabello, Awasa und zurück nach Addis Abeba. Wir werden Städte durchreisen, Märkte besichtigen, Wälder durchwandern und viele einzigartige, noch ganz in ihren Traditionen verwurzelte Ethnien und ihre Menschen treffen, wie zum Beispiel die Konso, die Dessanech und die Buranas.

Wir reisen in Jeeps. Die Fahrten sind oft lang, aber die Route nach Süden ist inzwischen zum Großteil asphaltiert. Die Hotels werden immer karger, je weiter wir uns von der Hauptstadt Addis Abeba entfernen, später übernachten wir auch insgesamt vier Tage auf Campingplätzen. Das alles ist ungewohnt und oft nicht besonders komfortabel, aber Äthiopien fasziniert uns von der ersten Minute an. Vergessen ist die Müdigkeit der langen Anreise. Wir entdecken eine Landschaft, die unheimlich grün ist, üppig und weit. Anfang Januar, unsere Reisezeit, ist in Äthiopien Frühling. Durch die vielen Hochebenen in diesem Land, etwa die Hälfte der Gesamtfläche liegt höher als 1200 Meter, ist es nicht zu heiß und der Boden ist während dieser Jahreszeit sehr fruchtbar.

Überall begegnen wir Menschen, die uns anlächeln und uns offen empfangen. Wir winken, schütteln Hände, nicken uns zu. Das wichtigste Wort: „Selam“ – Hallo. Man darf keine Berührungsängste haben. Kinder, aber auch erwachsene Männer und Frauen kommen einem oft sehr nah. Sie sind mindestens so neugierig auf uns wie wir auf sie.

Und natürlich werden wir immer wieder auch um irgendetwas gefragt: Candies, Highland (womit Wasser in Plastikflaschen oder auch nur die Plastikflasche gemeint ist), Pen oder auch Birr, die einheimische Währung. Unsere Fahrer bitten uns eindringlich, nichts zu geben. Noch ist das Betteln in Äthiopien nicht dramatisch und auch nicht aufdringlich. Und noch können wir nahezu jede Situation mit einem Lachen auffangen.

Beim Besuch der oft berühmten, weil einzigartigen Ethnien ist das manchmal leider anders. Hier gilt: Foto gegen Geld. Für ein Foto müssen wir zwei bis fünf Birr bezahlen, das sind 10 bis 20 Cent. Das an sich ist kein Problem. Schwieriger ist, dass zum Beispiel die Mursi (berühmt wegen ihrer Schmucknarben und ihrer Tellerlippen) sehr offensiv einfordern, fotografiert und dann auch bezahlt zu werden. Die Fotos selbst sind dann gestellt, spontane, freie Momente entstehen kaum. Die Atmosphäre ist wie bei einem Geschäft.

Anders ist der Besuch bei den Dassanech. Das ist ein Nomadenstamm im südlichsten Gebiet Äthiopiens, in den Omoraten, fast an der kenianischen Grenze. Ich habe meine Kamera dabei und schon nach kurzer Zeit geben mir die Kinder ein Zeichen, dass sie gerne selbst mit meiner Kamera fotografieren möchten. Es ist ein Riesenspaß für uns alle, wenn die Kinder ihre eigenen Bilder und sich und uns auf dem Display meiner Digitalkamera entdecken und so wird dieser Besuch zu einem spielerischen Miteinander. Und die Fotos, die ich mit nach Hause nehmen darf, sind lebendig, spontan, lustig und sehr, sehr lebensfroh.

Genauso herzlich und offen werden wir in Turmi begrüßt, wo wir bei einem kleinen Dorf der Ari vorbeischauen und spontan auf eine Kaffeezeremonie eingeladen werden. Die beinahe feierliche Handlung dauert etwa eine halbe Stunde, bis der frisch geröstete Kaffee in Mörsern zerstoßen, aufgebrüht und in kleine Tässchen verteilt ist. Noch nie hat uns ein Kaffee so gut geschmeckt.