Reisebericht I

I. Wartezeit mal anders

Januar 2012 - Seit drei Tagen sind wir von unserer Äthiopienreise zurück. 7 Uhr morgens – wir werden von den Radionachrichten geweckt: Bei einem Überfall auf Touristen in Äthiopien gab es fünf Tote, mehrere Touristen wurden entführt… Uns ist nicht sofort klar, ob wir das wirklich gehört oder noch geträumt haben: Es ist unvorstellbar. Wir haben uns während unserer dreiwöchigen Reise immer komplett sicher gefühlt, wurden nie auch nur mit der geringsten Aggression konfrontiert. Der Blick ins Internet zeigt es sofort, die überfallenen Touristen waren in einer Region unterwegs, vor deren Besuch das Auswärtige Amt gewarnt hatte… In der Folge wird in den Medien oft ein Bild von Äthiopien und Reisen dorthin vermittelt, das so ganz anders ist als unsere Eindrücke.

North Wollo

 

Mai 2012 – Welche Eindrücke unserer Reise sind jetzt – über drei Monate später – am gegenwärtigsten? Es ist nicht die faszinierende Kultur mit jahrhundertealten Kirchen oder die atemberaubende Landschaft. Es sind die Begegnungen mit den Menschen in Äthiopien, vor allem während zwei Trekkingtouren im Norden des Landes: Frauen, die mir zeigen, wie man Injera backt. – ca. 20 Kinder vor einer Schule, die uns alle gleichzeitig ihre Englischkenntnisse vorführen wollen – abendliche Gespräche am Feuer und Unterricht im äthiopischen Shoulderdance mit Mitgliedern der Communites, bei denen wir gewohnt haben… Wir sind immer noch überwältigt von der Gastfreundschaft der Äthiopier. Immer wieder wurden wir eingeladen: Zu einer Hochzeit, dem ersten Geburtstag des Sohnes oder einfach auf ein selbstgebrautes Bier oder ein paar Löffel wilden Honig. Eine Handvoll Ausdrücke auf Amharisch, die wir von einem äthiopischen Bekannten vor der Reise gelernt hatten, waren hier sehr hilfreich. Aber die meiste Zeit hat unser Guide übersetzt und wir konnten uns über die so verschiedenen Leben, die wir führen, austauschen. Dabei wurde nicht nur unsere Neugierde gestillt, sondern in erster Linie auch die der Äthiopier: Was essen wir in Deutschland? Was bauen wir an? Wie viel Prozent arbeiten bei uns in der Landwirtschaft? Und warum laufen wir hier überhaupt freiwillig jeden Tag mehrere Stunden durch das Hochland?

Die Trekkingtouren bietet ein äthiopischer Reiseveranstalter an, der eine nachhaltige Form des Tourismus fördert: Man wohnt in Camps der Communities, durch deren Gebiet man läuft. Das bedeutet ein Leben ohne fließendes Wasser und Elektrizität, ermöglicht aber eine Nähe zu den Menschen, die für uns eine unschätzbare Erfahrung war. Wir haben eine ganz ursprüngliche Lebensform kennen gelernt: Der Tag beginnt und endet mit Sonnenauf- bzw. untergang, die Communities bauen Getreide an, aus dem die Frauen alle drei Tage Injera backen. Dazu gibt es, was Garten oder der Vorrat gerade hergeben: Spinat, Linsen, Bohnen, Zwiebeln… Zu festlichen Anlässen wird ein Tier geschlachtet und was über den Eigenbedarf hinausgeht, wird auf dem Markt verkauft oder eingetauscht.

Tigray

Zwischen den beiden Touren haben wir uns in erster Linie auf der klassischen Nordroute (Lalibela, Bahir Dar, Gondar, Axum) bewegt. Neben zahlreichen positiven Erfahrungen haben wir dort leider auch Schattenseiten des Tourismus in Äthiopien erlebt: Kinder, die betteln, weil sie von Touristen an einem Tag mehr Geld bekommen, als ihr Vater wahrscheinlich in einer Woche verdienen kann – Junge Männer auf der Suche nach einer Gelegenheit die schnelle Mark zu machen… Darauf waren wir zwar vorbereitet, aber nach einiger Zeit wird es ein bisschen anstrengend: Man möchte nur kurz ein paar Bananen kaufen und wird auf dem Weg zum nächsten Verkaufsstand unzählige Male angesprochen. Aber auch dort hatten wir viele unvergessliche Begegnungen mit Menschen: Ein älterer Herr, den wir nach dem Weg fragen, lädt uns ein, damit wir uns mit seiner Tochter, die sehr gut Englisch spricht, unterhalten können – Kinder, die auf der Straße mit einem Ball aus Lumpen Fußball spielen, fordern meinen Mann zum Mitspielen auf…

Diese ganzen Eindrücke sind für uns unvorstellbar wertvoll, weil sie unser eigenes Bild von Äthiopien darstellen und wir sie hoffentlich irgendwann mit unserem Kind teilen können.