Erfahrungsbericht VIII

Die Königin von Saba oder „…bemüht euch gefälligst…“

Januar 2008, Addis Abeba, Childrens home

Herr Agichew hat uns von unserem guesthouse abgeholt. Nun sind wir am Ziel unserer Reise angekommen. Ein kurzes Hupen, das Tor zum Kinderheim wird geöffnet. Sofort sind wir von zahlreichen kleinen schwarzen Kindern umringt. Jauchzen und juchzen, lachen und johlen… Papa…Papa… Mama…Unser Sohn Jannes , 23 Jahre, wird nicht als solcher vermutet, unsere Tochter Anita, 5 Jahre alt, wird sofort als neue Spielgefährtin akzeptiert. Außer uns sind noch zwei weitere  Elternpaare vor Ort. Nach einer kurzen Begrüßung führt uns Herr Agichew zu den Räumen, in denen die kleineren Kinder betreut werden.

„Look for your child“ ermuntert uns Herr Agichew, als wir  den Raum betreten. Es wuseln ungefähr zehn kleinere Kinder vom Säugling bis zum Zweijährigen auf dem Boden, werden gewickelt oder werden anderweitig bespielt und umsorgt. Im ersten Moment erscheint dies gar nicht so einfach…, die kleinen Mäuse sehen sich irgendwie alle ähnlich… es dauert einen Augenblick bis wir Amali erkennen. Kein Wunder, sie sitzt etwas abseits auf dem Wickeltisch, verdeckt von einer Nanny, die sie gerade gewickelt hat.

Und jetzt… na klar… das ist sie… wie aus dem Bilderbuch…

Diesen Augenblick haben wir uns so oft vorgestellt… und da sitzt sie nun…bei aller Freude doch irgendwie überraschend… sie sitzt da wie die Königin von Saba. Kontaktaufnahme erstmal Fehlanzeige, Amali würdigt uns keines Blickes, königlich souverän.

Aber kann man etwas anderes erwarten von so einer kleinen Seele? Ja schon, aber nicht von Amali. Bemüht euch gefälligst um mich, wenn ihr was von mir wollt…

Wir haben zwar weder Gold, Weihrauch oder Myrrhe dabei, dafür dürfen wir Amali das Mittagessen servieren.  Amalis große Leidenschaft ist essen, zugegeben, ein unfeiner Trick, aber er funktioniert. Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen und in Geselligkeit schmeckt es ja auch gleich besser.

Mit jedem Löffel wird Amali gelöster und schließlich lächelt sie sogar. Es braucht noch eine ganze Weile, bis sich Amali von uns auf den Arm nehmen lässt, wir sind halt fremd und sehen auch so aus. Eine ungewohnte Situation, fremde Gesichter und Stimmen… es wird sehr viel verlangt von den kleinen Menschen, und wenn sie uns dann anlächeln und unser Herz geht auf… was für eine Leistung…

Am Tag des Gerichtstermins lernen wir Amalis leibliche Mutter kennen, bewegende Augenblicke… sie erzählt ihre Geschichte … die Gründe für die Entscheidung, Amali zur Adoption zu geben…

…aber, was macht man mit dem Wissen?

Merkwürdigerweise wirkt Amali nach dem Abschied gelöster, ist zugewandter.

Wir dürfen Amali jetzt mit zu uns nehmen und in den folgenden Tagen wächst Amalis zutrauen zu Ihrer neuen Familie.

Es ist Sonntagmorgen, wir sind seit sechs Wochen wieder in Deutschland. Schon sehr früh haben sich Amali und ihre Schwester Anita heute Morgen zu Wort gemeldet. Die beiden haben sich mittlerweile gut zusammengerauft, von gelegentlichen kurzen, aber deftigen Eifersüchteleien abgesehen. Da nehmen sie sich beide nicht viel. Amali brabbelt, gluckst und blubbert den ganzen Morgen, sie quietscht und juchzt jedes Mal, wenn ihre Schwester Grimassen schneidet. Sie hat sich erstaunlich schnell eingewöhnt, sie ist ein gesundes kleines Wesen mit einem großen Appetit,  nicht nur aufs Essen… unsere „black magic woman“,  wir sind jetzt zu fünft, und ziemlich kunterbunt…, aber war das nicht schon immer so…?

So oder ähnlich, von dem einen etwas mehr, von dem anderem etwas weniger spielen sich wohl alle  „Kennenlerngeschichten“ ab. Eindrücke, die man nie mehr vergisst, Erfahrungen, die man nicht mehr missen möchte, Geschichten mit offenem Ende…