Erfahrungsbericht VII

„La, li, lu...“

Freitag, 11. Januar 2008:

Wir fliegen erst von München nach Frankfurt, dann mit dem Nachtflug der Ethiopian Airlines nach Addis Abeba, um unsere Tochter Biruk, knapp fünf Jahre alt, aus dem Kinderheim abzuholen. Nach 14 Monaten Vorbereitung, nach Umbauten in Haus und Garten (der Teich wurde eingezäunt) unzähligen Seminaren, Fragebogen, Hausbesuchen und Einzelgesprächen, nach dem ganzen Papierkram nebst Beglaubigungen und Übersetzungen usw. war es im Dezember 2007 endlich soweit: erst ein Anruf, während ich noch im Krankenhaus mit einer Bandscheibenoperation lag, kurz darauf der Kindervorschlag. Tag X war da. Wir stimmen dem Vorschlag zu.

Wir verlassen München bei ungewöhnlich mildem Wetter, aber mehr als sechs, sieben Grad wird es doch nicht gehabt haben. In Addis ist es bei unserer Ankunft noch frühmorgendlich kühl, aber später wird es, wie bei unserem gesamten dreiwöchigen Aufenthalt, zwischen 23 und 27 Grad haben, also sommerlich warm, aber nicht brütend heiß sein. Regen haben wir keinen erlebt. Sobald die Sonne allerdings untergegangen ist, braucht man einen Pullover.

Mit dem Hotel-Shuttle (aufgrund eines Meetings afrikanischer Staaten war in der ganzen Stadt nur ein Zimmer im Sheraton Hotel zu bekommen, und das nicht für den gesamten Aufenthalt, was uns ein wenig besorgt, aber nicht im Moment) geht es durch die Stadt. Nach Ankunft im Hotel bleiben uns etwa 45 Minuten zum Frischmachen, dann geht es gleich zum Kinderheim. Mr. Agichew, Chefmanager, Dolmetscher und Organisationstalent, holt uns mit seinem Wagen ab. Die ersten Eindrücke sind verwirrend vielfältig: Händler, Bettler, Schafe, Ziegen, herrenlose Hunde und abgemagerte Klepper teilen sich die Straße mit Uralt-Ladas und Eselskarren; teils gelbstaubige Schotterpisten mit atemberaubenden Löchern, teils brandneu ausgebaute breite Asphaltbahnen. Der Verkehr wird weitgehend mit der Hupe geregelt, aber irgendwie bleibt alles im Fluss.

Kurzes Hupen am Tor bei der Ankunft des Autos, und die Tore des Kinderheims öffnen sich. Eine kleine Oase inmitten von Staub und Dreck verbirgt sich hinter den hohen Mauern. Tropische Pflanzen, Bananestauden, rot glühende Bougainvileen, die wir von zu Hause nur im Terrassentopf-Format kennen.

Eine Schar schokoladenbrauner Kinder stürmt auf uns zu, „Mama“, „Papa“ rufend, wir werden sofort umringt, unzählige Arme recken sich uns entgegen, sehnsüchtige schwarze Augen blicken uns erwartungsvoll an. Da weine ich zum ersten Mal. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Wir entdecken Biruk sofort: Sie kommt uns größer vor als auf den Bildern, die wir gesehen haben, wirkt ernsthaft mit ihren gerade erst nachwachsenden Haaren und den großen Augen. Eine Pilzerkrankung zwingt sie, immer eine Kopfbedeckung zu tragen, mal ein albernes Hütchen, diesmal ist es ein Art Fez. Heute bleiben wir noch inkognito, verteilen Luftballons und Seifenblasen (Fehler: die Luftballons lassen sich nur sehr schlecht aufblasen, und nachdem jedes Kind es unter Verwendung großer Mengen von Spucke probiert hat, werden sie mit hilfesuchendem Blick an Mike weitergereicht...) aber schon am Nachmittag haben wir das Gefühl, dass sie weiß: „Dieses Mal bin ich dran.“

Für uns steht es da auch bereits fest, Ja, sie ist es!

Aber erst am nächsten Tag wird alles offiziell. Wir werden gemeinsam in Mr. Agichews Büro gebeten und gefragt, ob wir sie adoptieren wollen, sie wird gefragt, ob sie mit uns kommen möchte. Als beides bejaht wird, ist der Fall klar: Nun ist Biruk in der privilegierten Situation, mit ihren zukünftigen Eltern im Aufenthaltsraum sitzen zu dürfen, während die übrigen Kinder draußen im Garten bleiben müssen. Und sich an der Verandaglastüre die Nasen platt drücken. Und wie sie es genießt! Demonstrativer Griff in die Handtasche, den Rucksack, Lippenstift suchen, Taschentücher hervorkramen, Sonnenbrille aufsetzen, Sprudelflasche aufschrauben, alles nur, um zu zeigen: „Ich darf das, das sind die Sachen von Mama und Papa, meiner Mama und meinem Papa!“ (wobei sie noch eine ganze zeitlang jede weiße Frau Mama und jeden weißhäutigen Mann Papa nennen wird). Sie möchte auch ständig hochgenommen werden, was bei über zwanzig Kilo Lebendgewicht gar nicht so einfach ist, zumal wenn man kürzlich an der Bandscheibe operiert worden ist.

Am 18. Januar findet die Gerichtsverhandlung statt, wir sind pünktlich im Gebäude, der Gerichtssaal erinnert an einen Kleinstadtbahnhofswartesaal. Wir sind dem Anlass entsprechend gekleidet, auch die Krawatte fehlt nicht. Wo bleibt er denn, der Richter? Wir warten und warten, weit und breit keine Robe in Sicht. Es wird auch keine in Erscheinung treten, denn nach ungefähr anderthalb Stunden teilt uns Mr. Agichew mit, dass die Verhandlung ordnungsgemäß und mit Zeugen im Nebenraum abgewickelt wurde, und die Adoption somit erfolgreich abgeschlossen ist. Das war die ganze Performance! Wir haben nichts davon mitgekriegt, bzw. dazu gesagt, geschweige denn unterschrieben. Aber damit ist von äthiopischer Seite die Sache rechtskräftig.

Nach einem Mittagessen (natürlich traditionelles Injera, das äthiopische Nationalgericht) zusammen mit Mr. Agichew und einem anderen Paar, das ebenfalls heute seinen Gerichtstermin hatte, bereiten wir uns auf die kleine „Party“ vor, die am Nachmittag im Kinderheim steigen soll. Ein Schnelldurchlauf in einem vergleichsweise gut sortierten Supermarkt, Süßigkeiten und Kuchen für die Kids, kleine Geschenke für die Mitarbeiter, und auf geht’s ins Kinderheim.

Während Mike in der Küche werkelt, ziehe ich Biruk um. Sie wird von Kopf bis Fuß neu eingekleidet, nicht einmal die Unterhose darf sie mitnehmen, also ziehe ich sie komplett aus. Wie gerührt ich wieder bin, als ich zum ersten Mal den kleinen braunen Körper nackt sehe. Der einzige Besitz, der ihr bleibt, sind ein paar pinkfarbene Ohrstecker, ein persönliches Geschenk, das sie behalten darf. Sie lässt alles brav mit sich anstellen, die mitgebrachten Sachen passen, selbst die Schuhe scheinen okay zu sein. (Das war das Schwierigste: mit einem Fax, auf dem ihre Fußumrisse abgebildet waren, in ein Schuhgeschäft zu gehen und Schuhe zu kaufen; funktionierte aber.)

Biruk ist Halbweise, ihr Vater lebt noch, hat sie aber zur Adoption freigegeben, da in ihrer Situation der extremen Armut die Familie bzw. die neue Ehefrau neben den anderen sieben Kindern nicht für sie sorgen kann oder mag. Ein bisschen wie bei den Gebrüdern Grimm und der bösen Stiefmutter...

Jedenfalls ist der Vater anwesend, eine Begegnung, der Mike und ich mit gemischten Gefühlen entgegensehen. Wie wird Biruk es aufnehmen, wie wird sie sich verhalten?

Erstaunlicherweise verhält sie sich ganz großartig: Sie ist nicht zornig, nicht traurig, nicht beleidigt, sie ist freundlich zu ihm, blättert mit ihm das kleine Fotoalbum durch, das wir für sie angefertigt haben.

Mir steigen die Tränen in die Augen.

Die kleine Zeremonie bei Kaffee und Kuchen und mit allen Kindern findet im Aufenthaltsraum statt, sie dauert nicht lange. Nach knapp eineinhalb Stunden ist alles vorüber, und nun wird es ernst: Wir dürfen unser Kind zum ersten Mal mitnehmen. Natürlich haben wir diesen Augenblick herbeigesehnt, aber gleichzeitig ist uns auch etwas mulmig zumute, wir machen uns Gedanken, wie alles am Anfang laufen wird, ob wir mit ihr zurechtkommen, sie mit uns, ob sie Angst haben wird, Heimweh, ob sie weinen wird oder ob wir nicht miteinander kommunizieren können etc. Vom Waisenhaus mit zwei praktisch Wildfremden ins Luxushotel zu gehen ist schließlich nicht ohne. Aber alle Sorgen sind überflüssig:
Sie winkt zum Abschied, aber dann steigt sie, ohne sich noch einmal umzudrehen ins Taxi, um in ihr neues Leben zu reisen. Sie genießt die Fahrt durch die ganze Stadt, fühlt sich wie die Königin. Angekommen im Hotel geht sie zwischen uns beiden an der Hand und blickt mit staunenden Augen um sich, saugt alle Eindrücke förmlich in sich auf. Der polierte Marmorboden, die Kronleuchter, die Blumen, die vielen Leute überall. Im Zimmer warten einige Überraschungen auf sie, die sie mit kreischendem Vergnügen quittiert: Mehr Kleider, Spielsachen, Stofftiere, eine Spieluhr, die sie sofort begeistert: ein rosa Plüsch-Schweinchen, das „La, li, lu, nur der Mann im Mond schaut zu“ spielt. Es werden ihre ersten Worte werden, die sie auf Deutsch spricht.

Ein kleiner Spaziergang in den Hotelgarten, Besichtigung des Swimmingpools, ein Drink an der Poolbar, dann bricht der Abend herein. Ich setze sie zum ersten Mal in die Badewanne, seife sie ein, wasche sie, brause sie ab. Sie lacht, quiekt ausgelassen, findet alles wunderbar und scheint glücklich. Später sitzt sie, eingecremt und duftend, mit ihrem neuen pinkfarbenen Bademantel und einem Kopftüchlein auf, stolz und mit baumelnden Beinen auf der Bettkante und isst artig und mit gutem Appetit ihr Abendessen.

Schnell noch Zähneputzen, ein Ritual, das sie mit Mike absolviert, und zwar mit großem Eifer und voller Begeisterung für die Glitzerzahnbürste und den feuerroten Plastikbecher – dann ist Schlafenszeit.

Sie ist wirklich todmüde, erledigt, der Tag war aufregend, all die Eindrücke und Erlebnisse, und so geht sie ohne Protest ins Bett. Ich singe ihr ein paar Lieder, wir geben ihr einen letzten Gutenachtkuss, sie kuschelt sich in ihre Decke, seufzt und schließt die Augen. Das Schweinchen wird noch einmal aufgezogen, kurze Zeit später ist sie eingeschlafen. Die Spieluhr läuft noch: La, li, lu...