Erfahrungsbericht VI

Vorher

Vorfreude. Neugierde. Anspannung. Als wir in Addis aus dem Flugzeug steigen, stürzt die Sonne hinter den Horizont, wie sie es jeden Abend um punkt sieben Uhr tun wird. Eine kühle Brise und Alis breites Lächeln empfangen uns. Ali ist der Taxifahrer, der uns die nächsten drei Wochen mit wechselnden, ausgeleierten, phantasievoll dekorierten Ladas durch den völlig ungeregelten Verkehr von Addis Abeba begleiten und der erste Held unseres Großen werden wird. Zwei Jungs im Alter von fünf ein halb und knapp einem Jahr dürfen wir am nächsten Tag kennenlernen.

Glück: Teil 1

Als wir im Kinderhaus ankommen, haben die großen Kinder Unterricht. Mr. A. führt uns in das kleine Klassenzimmer, wo sich uns etwa zwanzig Gesichter zuwenden. Da wir unseren Großen in dem sofort einsetzenden Tumult nicht erkennen, stellt A. uns die Kinder vor. Als sein Name fällt, schnellt unser Sohn in die Arme meines Mannes und klammert sich dort für die nächsten drei Stunden fest. Auch in den nächsten Tagen wird er unsere Arme nur verlassen, wenn keine anderen Kinder in der Nähe sind. Ansonsten lässt er sich herumtragen und dirigiert uns selbstbewusst mit ausladenden Gesten durch das Kinderhaus. Wir folgen demütig. Eine Woche darf er König sein, der ausgewählte, der, für den jemand gekommen ist. Der, der Geschenke bekommt und sie verteilt. Aber auch der, der aufbrechen wird. Wir haben Angst davor, Angst ihm zu viel zuzumuten. Alles wird neu sein: das Licht, die Gerüche, das Wetter, die Sprache, wir. Er teilt diese Angst nicht, küsst seine Freunde im Kinderhaus am Tag des Abschieds herzlich und steigt fröhlich in das Taxi. Auch in Deutschland zeigt er keine Zweifel. Er liebt alles, was neu ist. Es kann gar nicht neu genug sein. Uns kostet die Umstellung mehr Augenringe. Aber schließlich ist er auch schon 5 Jahre Kind - und wir als Eltern absolute Neulinge. Nur gut, dass er uns verzeiht, dass wir noch so Vieles lernen müssen.

Glück: Teil 2

Unseren kleinen Sohn erkennen wir sofort. Er schläft und die Bettchen sind beschriftet. Er ist noch ganz Baby, rund, knuddelig, ein Sonnenschein, der immer lacht. Es sei denn, es geht um Essen. Da hört der Spaß auf. Ansonsten treten unsere Befürchtungen auch hier nicht ein. Umstellung auf anderes Milchpulver? Schlafen in einem fremden Bett? Nicht vorgewärmte Fläschchen? Kein Thema. Baden und Haare waschen? Wunderbar! Das Einzige, was uns zu schaffen macht, ist seine Haut. Pilzinfektionen, Kratzewunden und verschorfte Areale vertreiben zwar sein Lächeln nicht, aber unseres. Mit der herzlichen Unterstützung des EfA-Teams gehen wir noch in Addis zum Arzt, in Deutschland wieder. Letztendlich geht alles fast von selbst weg.

Ein halbes Jahr später

Wir sind alle vier im Familienleben angekommen. Unser Alltag ist anstrengender, reicher, chaotischer und vor allem lauter geworden. Die zwei wunderbarsten Energiebündel der Welt singen, springen, toben, tanzen, streiten und kuscheln gefühlte 50 Stunden am Tag. Und wir – wir würden alles wieder ganz genau so machen. Vielleicht würden wir vorher einen Meditationskurs besuchen oder Themen wie “Kindergartenplatz” im Vorfeld angehen. Ansonsten können wir aus unserer Erfahrung nur berichten: Habt keine Angst. Schlaft voraus.