Erfahrungsbericht V

Das Geschenk

12.12.2008. Kein Tag wie jeder andere.

Es ist der Geburtstag von Roland. Ein Tag, an dem es nicht nur Geburtstagsgeschenke geben wird. *** Nein *** Das Geschenk unseres Lebens kündigt sich an – unser Kind. Der Anruf ist ersehnt, aber trotzdem, als er kommt, ist er völlig unverhofft. Mitten im Büroalltag – ich sitze in einer EDV-Vorführung für eine neue Software – reißt dieser Anruf mich heraus aus meiner kleinen Welt und entführt mich, wie schon so oft, ins ferne Äthiopien. Dieser Moment verändert alles. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Ein kleines Mädchen, knapp 5 Monate alt, wartet in Afrika auf uns. Eine kleine Menschenseele, so fern und doch so nah. Wir wissen noch nicht viel von ihr, und sie noch nichts von uns, und trotzdem gibt es da ein Band, welches uns schon jetzt ganz fest verbindet. Ein paar Tage später in Augsburg erfahren wir mehr Einzelheiten, wir sehen das erste Foto und kennen ihren Namen. Ein wunderschöner amharischer Name mit einer noch wundervolleren Bedeutung ***Geschenk***.

Wir bereiten unsere Reise vor, um unser „Geschenk“ kennenzulernen. Flüge und Guesthouse werden gebucht und ein paar Wochen später verlassen wir für 5 Tage unser zu Hause, um mit der Egypt Air von Frankfurt aus über Kairo in Richtung Addis Abeba zu starten. Pünktlich uns stressfrei erreichen wir unser Ziel. Schnell das Visum geholt, freuen wir uns auf unsere Abholung, denn wir möchten noch gern ein paar Stunden schlafen, bevor wir um 10.00 Uhr für das Treffen mit unserer Tochter von einem Mitarbeiter von Efa am Guesthouse abgeholt werden sollen. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Niemand holt uns ab. Wir haben kein Handynetz, sind unendlich müde und wissen nicht, wo wir die Restnacht verbringen werden. Es ist 3.40 Uhr morgens in Addis Abeba.

Ein freundlicher Äthiopier leiht uns sein Handy. Im Guesthouse erfahren wir, dass es ein Missverständnis mit unserer Reservierung gab. Wir werden vorerst an ein anderes Guesthouse vermittelt. Ein Taxi bringt uns hin.

Das alles raubt vor allem Zeit. Wir üben uns in afrikanischer Gelassenheit, schlafen nicht wirklich, immer in Gedanken an unser Treffen mit der „Kleinen“. Wir müssen organisieren, an einen anderen Guesthouse abgeholt zu werden, in einer riesigen Stadt, in welcher wir uns noch nicht orientieren können.

Das ist er nun... „Der Tag“ ..… auf welchen wir uns jahrelang vorbereitet haben. Ein Telefonat mit Mr. Awgichew am frühen Morgen klärt alles. Wir sind sehr beruhigt und genießen unser Frühstück *** ein Stapel trockener Toastbrote, ein Ministück Butter und ein kleiner Löffel voll Marmelade, alles zusammen serviert auf einem einzigen Teller ***.

Trotzdem freuen wir uns, und sind unbeschreiblich dankbar dafür, denn es ist viel viel mehr, als die meisten Menschen hier je an einem Morgen haben werden. Pünktlich werden wir abgeholt, und bekommen einen ersten Eindruck von Addis Abeba. Massenweise Kinder, Bettler, Straßenmütter mit kleinen Babys und Behinderte – zumeist viele von ihnen in Lumpen gehüllt – beherrschen hier das Straßenbild. Unzählige Schuhputzer säumen den Straßenrand. Esel, Ziegen und abgemagerte Hunde teilen sich die staubigen Straßen mit Uralt-Autos, stinkenden Bussen und LKWs ohne Katalysator und TŰV. Chaotische Verkehrsverhältnisse sind hier Normalität. Massenweise Autos bewegen sich von allen Seiten gleichzeitig auf einen Kreisel zu, trotz roter Ampeln passieren doch alle Fahrzeuge gleichzeitig eine Kreuzung, aber dennoch ……irgendwie regelt sich alles ganz unproblematisch.

Ein kurzes Hupen am EfA-Office und das Tor öffnet sich. Zu sehen bekommen wir eine kleine, gepflegte Anlage mit Garten. Freundlich werden wir ins Haus gebeten. Wir nehmen im großen Wohnraum Platz, der stil- und liebevoll eingerichtet ist.

Wir werden ins Nebenzimmer begleitet, wo unser „Geschenk“ gerade gut „verpackt“ schläft. Mit einer Mütze auf dem Kopf und eingehüllt in einer Decke schlummert sie friedlich vor sich hin. Wir beobachten sie, und sind von unsagbarem Glücksgefühl umgeben.

Ein Streicheln an der Wange lässt sie aufwachen. Ganz treu schaut sie uns mit Ihren großen dunklen Augen an.

Kurz danach gebe ich ihr die Flasche, welche sie bereitwillig in meinen Armen ausnuckelt und dann ist Zeit zum Kennenlernen und Spielen.

Sie ist ein „very friendly and peaceful baby“ und macht es uns sehr leicht, sie für das mitgebrachte Spielzeug zu begeistern.

Wir genießen die Zeit mit ihr, welche wie im Flug vergeht.

Zufrieden schläft sie danach wieder auf meinem Schoß ein, so als gehörten wir bereits seit langer Zeit zusammen. Wir bringen sie ins Bett und nun heißt es leider für die nächsten Wochen: „Time to say Goodbye“!

Nach dem Besuch bei unserer Tochter beziehen wir unser ursprünglich gebuchtes Guesthouse. Das Appartement ist sehr sauber und schön, der Garten eine kleine Oase und wir werden familiär und liebevoll betreut.

Am darauffolgenden Tag dürfen wir die offiziellen Papiere unterzeichnen.

Die verbleibenden Tage bis zu unserer Abreise verbringen wir mit kleinen Ausflügen in und um Addis Abeba. Wir gehen traditionell essen und versuchen, so viele Eindrücke wie möglich in uns aufzusaugen. Die Armut der Menschen auf den Straßen hier ist all gegenwärtig. Es ist erstaunlich und berührt unser Herz sehr, dass die Menschen, so arm sie doch sind, uns gegenüber dennoch so viel Freundlichkeit und Wärme ausstrahlen. Jederzeit fühlen wir uns wohl und sicher und können unsere Rückkehr kaum erwarten, und sehnen sie herbei, noch ehe wir Addis verlassen werden ……

Die Liebe zu Äthiopien und den Menschen hier hat uns gepackt, und wird für immer einen festen Platz in unserem Herzen haben. Auf vielfache Weise fühlen wir uns „beschenkt“.

Sitota - Das Geschenk (Fortsetzung )

13.03.2009. Freitag der 13. – ein Glückstag in der Millionenstadt Addis Abeba sowie in einem klitzekleinen Dorf im thüringischen Eichsfeld. Auf dieser Seite der Welt ist es unser Tag , der Tag an dem ein Richter im fernen Addis über unsere Zukunft entscheidet. Auf der anderen Seite der Welt ist es der große Tag für ein kleines Mädchen, welches doch so sehr auf neue Eltern wartet. Ein Gerichtsbeschluss verändert das Leben von 3 Menschen und deren ganzes Umfeld. Die Freude und Erleichterung, als der ersehnte Anruf aus Augsburg kommt, ist unbeschreiblich. Jetzt ist sie es tatsächlich *** Sitota *** the gift from god *** das Geschenk Gottes.

Natürlich sitzen wir schon längst, mit gebuchten Flügen und Guesthouse, in den Startlöchern. Genau 10 Tage später treffen wir in Addis ein. Diesmal ganz ohne Probleme. Wir werden vom Flughafen abgeholt, das Appartement kennen wir bereits, wir schlafen ruhig und am Nachmittag fahren wir zum ersten Mal mit dem Taxi durch das Tor des Kinderhauses. Ein unbeschreibliches Gefühl.

Die im Garten spielenden Kinder müssen teilweise von den Mitarbeitern zurückgehalten werden. Alle wollen gleichzeitig auf das noch fahrende Taxi zu stürmen. Wir steigen aus… und viele Kinderhände recken sich uns entgegen und rufen „Mama..Papa…“ Alle wollen einmal in den Arm genommen werden. Ich umarme jedes Kind einzeln, bis alle durch sind. Gleichzeitiges Glücksgefühl und Traurigkeit lassen mir Tränen in die Augen steigen. Kurze Zeit später lerne ich mein erstes amharisches Wort: „Finja“ – es bedeutet Luftballon. Selbstverständlich habe ich davon einige in der Tasche und bin ganz stolz, diese verteilen zu dürfen.

Wir freuen uns auf einen ruhigen Nachmittag mit unserer Tochter Sitota. Aber daraus wird nichts werden. Wir werden zum hinteren Gebäudetrakt begleitet, in dem die kleineren Kinder betreut werden.

Und da sitzt sie*** Sitota*** wie Madame de Pompadour***, umringt von einer Menge Nannys draußen auf dem Teppich. Wir freuen uns sehr darüber, dass sie den Body mit ihrem Namen trägt, welchen wir ihr vor einigen Wochen bei unserem ersten Zusammentreffen geschenkt haben. Auch ohne dieses Zeichen hätten wir sie schon von weitem erkannt. Sie erscheint uns ganz vertraut, so als gehörten wir bereits immer schon zusammen. Wir nähern uns langsam …… sie schaut zu uns rüber………… und grinst uns ganz breit mit 2 schneeweißen Beißerchen an. Ich nehme sie auf den Arm, und sie sieht uns, wie schon vor einigen Wochen, wieder ganz treu und lange mit dem „Endlich seid Ihr da-Blick“ an! Keine Spur von Fremdheit oder Angst.

Wir halten unser Geschenk im Arm und können unser Glück kaum fassen. Eine Nanny drückt mir einen Beutel in die Hand mit den Worten: „new Pampers if you need, and a bottle of milk for her“… und schon geht’s ab in Richtung Office, wo 2 weitere Paare mit ihren Kindern schon auf uns warten und dann gleich weiter zum Immigration Office, um den Pass zu beantragen.

Also sitzen wir schon kurze Zeit später nach dem wir gekommen sind, wieder im Taxi. Diesmal aber mit einem kleinen warmen Bündel auf dem Schoß. Wie selbstverständlich fährt diese kleine Menschenseele nun, mit ihr, noch unbekannten Eltern im Taxi davon. Ich halte sie ganz fest im Arm. Sie schaut mit riesengroßen Augen, aber ganz ruhig, abwechselnd zu mir und aus dem Fenster hinaus in das Gewimmel der Straßen von Addis Abeba.

Im Immigration Office angekommen, staunen wir über die dort wartenden Menschenschlangen. Wir haben noch nie in unserem Leben solche Menschenmassen an einer Behörde angetroffen. Alle sind ganz geduldig und warten… und warten…. auf ein Papier…. auf einen Stempel… auf was auch immer….??? Wir dürfen an allen Wartenden vorbei gehen und werden bevorzugt behandelt. Trotzdem sind alle freundlich und strahlen eine ungeheure Menschlichkeit und Wärme ab. Sie lächeln uns herzlich an und winken Sitota zu.

Sofort fühlen wir uns hier in Äthiopien wieder wohl und werden uns auch in den nächsten Tagen, wie selbstverständlich, ganz unbesorgt als „Weiße“ mit unserem afrikanischen Kind auf den Straßen von Addis Abeba bewegen. Wir wünschen uns auch in Deutschland auf so viel Toleranz und Freundlichkeit zu treffen.

Am späten Nachmittag müssen wir uns von Sitota verabschieden und übergeben sie wieder in die Obhut des Kinderhauses.

Die darauffolgenden Tage sind gefüllt von noch einigen Amtsgängen. Wir sind in Afrika*** und alles dauert seine Zeit. Wir starten noch einige Anläufe im Immigration Office, um den Pass zu erhalten und anschließend marschieren wir damit zur deutschen Botschaft, um das Visum für unsere Tochter zu beantragen.

Wir besuchen auch das Kinderheim, in welchem Sitota Ihre ersten Wochen in Addis verbracht hat. Die Mitarbeiter und Kinder sind alle sehr freundlich***die Kinder singen sogar für uns. Über die Ausstattung des Heimes sind wir jedoch sehr bestürzt. Wir haben ein bisschen Spielzeug und Kinderkleidung mitgebracht. Doch es ist ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Jede freie Minute versuchen wir natürlich im childrens‘ home mit unserer Tochter zu verbringen. Nach 5 Tagen dürfen wir sie schon mal für einen Tag mitnehmen. Sie macht ihren Mittagsschlaf bei uns im guest house und genießt sichtlich unsere Aufmerksamkeit.

Am darauffolgenden Tag, es ist ein Samstag, dürfen wir sie ganz zu uns nehmen. Wir verabschieden uns von Alem und allen anderen bis zum Dienstag, denn dann soll eine Bye-bye-Party für Sitota sein.

Die nächsten Tage genießen wir unsere gemeinsame Zeit in Addis, wir gehen viel spazieren, gehen Einkaufen um noch einiges für die Party zu besorgen…. Wir fahren nochmals zum office um Mr. Awgichew zu treffen … Die Tage sind gefüllt mit Spiel und Spaß und in den Nächten…. kontrolliert Sitota ca. alle 3 Std. ob wir auch noch da sind. Sie weint nicht, sondern wacht einfach nur auf, um nach uns zu sehen, und wir…. wir wachen auf, um nach ihr zu sehen.

Tage und Nächte vergehen wie im Flug … und schon ist Dienstag - und wir fahren zum vorerst letzten Mal zum Kinderhaus. Es wird eine wunderschöne Feier, der alle größeren Kinder beiwohnen. Wir haben einige Kleinigkeiten mitgebracht, natürlich ‚ Finjas in verschiedenen Farben und Formen, Kuchen und Getränke für die Kinder. Völlig aus dem Häuschen sind sie jedoch über die von uns mitgebrachten Knicklichter, die Ihre Neonleuchtkraft entfalten, wenn man sie biegt. Ich forme jedem Kind ein Armband und streife es über die kleinen braunen Hände. Wie gebannt schauen die Kinder mit riesigen Augen auf dieses Leuchtding an Ihrem Arm und recken die Arme ganz stolz in die Höhe.

Es macht uns froh, die Kinder so glücklich zu sehen. Alle sind ganz geduldig. Es gibt keinen Streit und keine Rangelei. Jeder wartet, bis er an der Reihe ist. Nachdem gegessen und getrunken wurde – wir erhalten eine Kaffeezeremonie – singen und tanzen die Kinder. Ich stehe mit Sitota in der Mitte umringt von den Kindern – sie beten und sprechen Fürbitten zu Gott für uns und Sitota.

Es ist unglaublich, wie andächtig die Kinder dieses verrichten. Wir sind sehr gerührt, und ich muss wieder einmal mit den Tränen kämpfen. Auch wir bitten in diesem Moment im Stillen….für die Mitarbeiter von Eltern für Afrika, dass sie immer die notwendigen Mittel zur Verfügung haben, Ihre überaus wichtige Arbeit hier vor Ort erledigen zu können… und dass sie darin niemals müde werden, und für die Kinder…. Dass alle baldmöglichst Eltern finden, die ihnen Geborgenheit und ein liebevolles Zuhause geben werden, denn es sind alle so wunderbare Kinder.

Zum Schluss werden noch Fotos von Sitota mit Ihren Nannys gemacht. Wir notieren auch die Namen für später. Dann verabschieden wir uns ---- nicht für immer ---- aber sicherlich für eine lange Zeit. Wir bedanken uns nochmals bei Alem, die das Heim so liebevoll leitet, und natürlich auch bei allen anderen, für alles was für unsere Tochter in den vergangenen 7 Monaten getan wurde.

Als wir an diesem Abend ins Guesthouse kommen, gibt es mal wieder keinen Strom. Der Besitzer versorgt uns mit 2 Kerzen und unterrichtet uns darüber, dass der Strom auch nicht vor dem nächsten Morgen zurück erwartet wird. Na und???……. Uns stört es wenig, kochen können wir mit Gas, so sind die Mahlzeiten für Sitota und auch für uns gesichert.

Sitota ist die Party auf die Augen geschlagen, sie ist tot müde, bekommt noch eine Milch und schläft sofort ein. Roland kocht für uns und wir genießen fröhlich und dankbar ein candlelight dinner. Der Strom kommt auch am nächsten Morgen noch nicht wieder, sondern erst am Nachmittag und er hat somit eine Pause von ca. 18 Std. eingelegt.

Wir freuen uns sehr auf zu Hause, packen unsere Koffer jedoch auch mit ein bisschen Wehmut. Haben wir uns doch hier, an dem Ort, an dem wir Sitota - unser Geschenk, kennen und lieben gelernt haben, sehr wohlgefühlt. Es ist und bleibt das Geburtsland unserer Tochter, und damit für immer in Liebe mit uns verbunden. Wir fliegen nach Hause …. Unser Geschenk in den Armen und die Herzen gefüllt mit Freude und Dankbarkeit. Auf-Wieder-Sehen Äthiopien!!!! Wir kommen ganz bestimmt wieder!!!!