Erfahrungsbericht IX

Unsere Adoptionsgeschichte

Wir sollten ein Baby bekommen! Der Kindervorschlag besagte, dass es ein Mädchen wäre. Name: Mekedes, 6 Monate alt, isst gut, schläft gut. Wir stimmten natürlich zu. Und was wir während der langen Wartezeit nicht zugelassen hatten, war nun endlich möglich: Wir begannen uns auf eine Tochter zu freuen.

In den nächsten Tagen mussten sehr gewissenhaft die noch in Deutschland notwendigen Formalitäten erledigt werden. Es erwies sich als besonders kompliziert, eine Versicherung für die kleine Äthiopierin zu finden, die sie nach der Adoption krankenversichern würde und dann bereits auf (außereuropäischem) äthiopischem Boden Geltung hatte. Der ADAC half uns schließlich aus dieser Klemme. Über das Internet fanden wir das Hotel Ararat, das sich als echter Glückstreffer herausstellte, denn es war nicht nur ein zufriedenstellendes Haus mit sehr zuvorkommendem Personal, sondern befand sich auch nur wenige Autominuten vom Kinderheim entfernt.

Auf dem Flughafen von Addis Abeba ging alles professionell und problemlos zu und wir fühlten uns sicher: Beim Verlassen des Flughafengebäudes wurde sogar überprüft, ob man auch wirklich nur die eigenen Gepäckstücke mit hinausnahm.  Ebenso war es leicht, ein Taxi zu finden und mit dem Fahrer den Preis auszuhandeln. Alle Äthiopier, die wir sprachen, waren zurückhaltend und freundlich. Und zu unserer Erleichterung sprachen alle – mal mehr, mal weniger – Englisch.

Wir checkten im Hotel ein und hatten kaum die Koffer geöffnet, da klingelte das Telefon und die Rezeption teilte uns mit, Mr. Awgichew sei da, um uns abzuholen. Wenige Minuten später öffneten sich die Tore des Kinderheims für uns. Eine kleine Traube von Kindern umringte uns und begrüßte uns mit „Mama!“ und „Papa“. Sie stoben bald wieder auseinander und Mr. Awgichew führte uns durch das gut eingerichtete Haus. Überall trafen wir auf gut gelaunte Nannys, die uns freundlich grüßten. Im Trakt der Kleinkinder endete unser Rundgang und Mr. Awgichew entließ uns, indem er uns aufforderte: „Look for your daughter!“ – Das war gar nicht einfach, weil an die zwanzig Klein- und Kleinstkinder überall herumkrabbelten. Aber zum Glück lag sie in ihrem Bettchen und über dem Bett stand ihr Name.

An dieser Stelle lässt sich nicht ganz objektiv beschreiben, wie es weiterging. Das erste Tref­fen mit unserer Tochter ging mit so vielen Emotionen einher: Freude, Spannung, Furcht. Später kam vor allem Sorge hinzu, denn Mekedes war krank. Wenn man sich nach der langen Wartezeit, all der Ungewissheit, dem Hoffen, Warten und Ausmalen von Möglich­keiten endlich kennenlernt, dann ist das kein happy end, sondern ein happy beginning. Wir konnten es zunächst gar nicht wirklich glauben.

Mekedes sah uns gut gelaunt mit großen Augen entgegen. Die Nannys versorgten sie mit einer Decke und einer frischen Flasche Milch und begleiteten uns ins Elternzimmer, dem Aufenthaltsraum und Begegnungszimmer. Dort wurden wir mit der äthiopischen Kaffeezere­monie offiziell vom Kinderheim empfangen. An diesem ersten Tag bestand unsere Auf­gabe darin, noch einmal „Ja!“ zu unserer Tochter zu sagen, und das taten wir – und anderen­tags auch noch einmal schriftlich.

An den folgenden Tagen bis zur Adoption waren wir täglich im Kinderheim. Die Nannys zeigten uns, was wir füttern sollten und informierten uns über Mekedes Schlaf-Wach-Rhythmus. Wir kümmerten uns um unsere Toch­ter, spielten mit ihr, hatten sie auf den Knien und plauderten mit den anderen Eltern-in-spe. Wir genossen noch viele Tassen des wunder­baren äthiopischen Kaffees und lernten den liebevollen Kinderheim-Alltag kennen. Den Nan­nys und besonders Mahelet sei hier noch einmal gedankt: Sie stand(en) uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Auch viele der Kinder lernten wir kennen und wir waren wohl nicht die einzigen, die bedauerten, nur unser Kind mitnehmen zu können. Alle sind so süß und liebens­wert! Und alle suchen Eltern!

Vier Tage nach unserer Ankunft fand unser Gerichtstermin statt: Wir adoptierten und mit uns zwei weitere Paare. Von da an konnte ich es wirklich glauben: Wir haben eine Tochter! Zur Feier des Tages gingen wir alle miteinander in einem ausgezeichneten Restaurant essen: Barbecue im ‚Carnivore’. Anschließend gab es im Kinderheim eine kleine Feier. Wir mussten unsere eigene Baby­kleidung mitbringen und am späten Nachmittag kleideten wir Mekedes um. An diesem Tag nahmen wir sie endlich mit uns. Als das Taxi hupte, verabschiedeten wir uns. Die Tore des Kinderheims schlossen sich hinter uns. Wir stiegen in das Taxi – und sind seitdem zu dritt.

Da Mekedes so jung ist und es ihr obendrein nicht gut ging, verbrachten wir unsere übrige freie Zeit hauptsächlich im Hotel. Alles war schnell gegangen und hatte gut geklappt. Mr. Awgichew hielt alle Schwierigkeiten von uns fern. Dank seiner Begleitung gab es kein Sprachenproblem, keine Missverständ­nisse und keine Probleme, im amharischen Behördendschungel die richtigen Türen zu finden. Wir konnten sogar unsere Rückflüge um einige Tage vorverlegen.