Erfahrungsbericht IV

Vor eineinhalb Jahren...

Vor eineinhalb Jahren kam, nach langer, langer Wartezeit endlich unser Sohn zu uns. Er war damals viereinhalb Jahre alt, und wenn es uns auch kaum noch möglich ist unser Leben ohne ihn zu denken, will ich versuchen etwas über die Anfänge unseres Zusammenlebens zu schreiben.

Wenn wir zurückblicken zu den ersten Tagen mit ihm, sagen wir oft, dass er nur noch wenig gemeinsam hat mit diesem stillen, zurückhaltenden, fast introvertierten Kind, das wir damals im EfA Kinderheim kennenlernten. Fast nichts: er kann noch genauso laut und ausdauernd trotzen wie in Addis, als er damit einmal für einen Menschenauflauf sorgte (alle hatten Ratschläge für uns und wollten helfen). Und er kuschelt auch noch genauso gerne wie damals, nachdem das Eis gebrochen war und wir durch eine kleine Zeremonie im Kinderheim zu Mutter-Vater-Kind erklärt worden waren.

Von stiller Zurückhaltung ist aber keine Spur mehr: Mit seiner offenen, zugehenden Art hat er im Kindergarten nach der Anfangszeit, in der er alleine spielte, schnell Freunde gewonnen und wird mittlerweile schon begeistert begrüßt wenn er zur Tür herein kommt.

Auf dem Spielplatz hat er durch ebendiese Art aber auch schon einige Ablehnung erfahren, wenn er einfach auf fremde Kinder zugegangen ist und mit ihnen „angefasst“ rutschen wollte zum Beispiel. Das war ihnen geradezu unheimlich und sie mußten schnell weglaufen. Überhaupt Spielplatz: Es hat einige Zeit gedauert spielen zu lernen. In der ersten Zeit hat er nur Sandkuchen gebacken, die aber in großen Mengen, bevor er die Freuden des Löcherbuddelns, Sandburgenbauens, Rutschens, und Schaukelns für sich entdeckte. Dass er die bei uns strikt eingehaltene Trennung zwischen meiner und deiner Mama nicht erkannte und stattdessen hinter anderen Kindern zu deren Mutter herlief wenn‘s da was Leckeres zu essen oder was Interessantes zum Spielen gab, hat ihm und mir eine Menge irritierte und ablehnende Blicke eingebracht. Wir sehen dieses anfängliche Verhalten mittlerweile nicht mehr als Ausdruck von Problemen mit Nähe und Distanz, sondern verstehen es im Kontext seiner früheren Erfahrungen vom Leben in einer afrikanischen Dorfgemeinschaft, in der es wahrscheinlich weniger auf Abgrenzung sondern mehr auf das Miteinander ankam.

Mit seinem zunehmenden Wortschatz kamen auch die Fragen: Anläßlich der Äußerung einer blöden Kassiererin im Supermarkt, die ihn „einscannen“ wollte um zu sehen was er kostet (haha) fragte er abends, ob wir ihn denn gekauft hätten und ob wir etwas für ihn bezahlt haben beschäftigte ihn noch lange. Wir haben versucht ihm „Adoption“ stückweise und einfach zu erklären. Er fragte auch immer wieder warum wir ein Kind wollten (irgendwann schon grinsend aus Vorfreude auf die Antwort).

Ich glaube ich brauche unsere Gefühle nicht zu beschreiben, als er zum ersten Mal sagte:“Ich habe Euch adoptiert und ich gebe Euch auch nicht wieder zurück!“ Leider erzählt er uns außer vom Kinderheim kaum Erinnerungen an sein früheres Leben. Nur manchmal geht ein kleines Fensterchen auf und er sagt Dinge wie: „hier riechts wie Afrika“ (Holzkohlefeuer), „das habe ich in Afrika auch gegessen“ (Mais) oder er versucht mit Lego die runden Hütten seiner ersten Heimat nachzubauen.

Unser Kind ist ein fröhlicher kleiner Junge, der Passanten zum Lächeln bringt, weil er laut singend Fahrrad fährt oder vor uns her hüpft, und der erkennt, dass er anders aussieht als die meisten Kinder mit denen er spielt. Daraus kann er etwas für sich Positives machen: „Ich bin froh, dass ich braun bin, da kann ich Jim Knopf sein und der kleine Maulwurf“. Manchmal möchte er aber einfach genauso sein wie wir: „Papa, wenn ich groß bin habe ich auch so eine Haut wie Du“.

Wie wichtig es ist, ihn in allen Dingen seiner Herkunft sensibel und respektvoll zu behandeln, hat er uns in einem anderen Zusammenhang ganz deutlich gemacht: Als das Anerkennungs- und Wirkungsverfahren überstanden war, in dessen Rahmen wir einen zweiten Vornamen für ihn beantragt hatten, war er erstmals sehr empört als er davon erfuhr. Er habe doch schon einen Namen. Erst mit ausführlichen Erklärungen, dass der Name ein Geschenk sei, sein äthiopischer Vorname das seiner ersten Eltern und der zweite, nachgestellte, neue Vornamen von uns, war er's zufrieden.

Als wir mit ihm seine deutschen Pass abholten, sagte er: „Aber ich bin doch auch aus Afrika!“ Das ist er und das kann und darf ihm nie jemand nehmen, doch jetzt gehört er auch hierher!