Erfahrungsbericht III

Tagebuch eines nicht endenden Abenteuers

28.11.2008: „Das Glück kommt, man muß nur warten können“

Wir haben einen Kindervorschlag bekommen! Auf nach Augsburg! Zunächst geht es (wie so oft) in die Kirche St. Peter neben dem ehrwürdigen Rathaus zum berühmten Gemälde der „Knotenmadonna“. Diese löst so manchen Lebensknoten, heißt es... Auch uns hat sie geholfen. Unsere Aufregung nimmt sie uns heute allerdings nicht... In der Frölichstrasse ergeht es uns so, wie es auch schon andere Eltern schilderten: wir lieben unsere kleine Tochter schon vom Foto weg.

Dezember 2008/Januar 2009: „Lerne loszulassen!“

Wir sind glücklich und ängstlich zugleich: was, wenn der Kleinen etwas zustößt, wenn etwas dazwischenkommt? Wenn wir gewußt hätten, wie liebevoll und professionell EfA in Afrika arbeitet, wäre unser Schlaf besser gewesen...

19.2.2009: „Der erste Eindruck von Addis Abeba kann bedrückend sein“ So steht es im Reiseführer. Die Taxifahrt vom Flughafen zum Hotel Ararat führt uns vorbei an Slums, Bettlern, Alten und Kranken am Straßenrand. Der aufgeweckte Fahrer schwärmt von „Oliver Kahn“ und „Michael Ballack“. Im Ararat haben wir uns gleich wohl gefühlt. Wir haben dort viele herzliche und gastfreundliche Menschen kennengelernt und manches afrikanische Abenteuer war im Preis inbegriffen... Am Nachmittag sehen wir unsere kleine Tochter im EfA- Office zum ersten Mal. Sie tappert uns mit kritischem Blick entgegen. Ahnt sie, dass diese beiden Bleichgesichter eine größere Rolle in ihrem Leben spielen wollen? Später schläft sie in unseren Armen ein .Wir schmelzen dahin...

23.2.2009: „Give to everybody the best of yourself... that is called sincerity!!!“

Im Childrens Home von EfA lesen wir diesen Spruch über das Bettchen unserer Tochter. Er spiegelt das wieder, was wir in Augsburg und Addis während des Adoptionsverfahrens erlebt haben.

26.2.2009: „I want to become a scientist“

Über die Hilfsorganisation Africachild haben wir seit längerem ein Patenkind in den Slums von Addis. Sie ist 14 Jahre alt und sie weiß um die Bedeutung von Schule und Ausbildung. Täglich steht sie um 3.30 Uhr auf, die Füße in kaltes Wasser, um wach zu bleiben und dann wird gelernt... Heute besuchen wir sie. Die fünfköpfige Familie (beide Beine des Vaters sind amputiert) lebt in einer kleinen, sauberen Hütte. Mit einfachsten Mitteln, z.B. einer Lichterkette um den Hausaltar, wird versucht, das Zuhause wohnlich zu gestalten. Wir erleben überwältigende Freundlichkeit und sind tief beeindruckt von der Kraft dieser Menschen. Ein Teil unseres Herzens bleibt hier!

26.2.2009:„Yes, they can!“

Am selben Tag führt unser Weg auch zum Straßenmütterprojekt von EfA. In gepflegten Gebäuden hinter hohen Mauern wohnen ca.10 junge Frauen mit ihren Kindern, die bereit sind, als Friseurinnen oder Stickerinnen wieder ein menschenwürdiges Leben zu beginnen. Wir erleben auch hier afrikanische Gastfreundschaft, gar Fröhlichkeit trotz der harten Schicksale und sind tief gerührt. Übrigens sind die von den Straßenmüttern hergestellten Decken und Ketten ideale Reisemitbringsel!

3.3.2009: „Keine ruhige Minute...“

Die erste Nacht mit unserer Tochter im Hotel. Nun sind wir allein auf uns gestellt... Sie ist sehr aufgedreht, sie übergibt sich und hat Durchfall. Da wird uns Elternanfängern schnell klar, daß wir nun allein die Verantwortung haben für dieses unendlich liebenswerte und hilfsbedürftige Kind.

20.2/21.2./22.2/9.3.11.3.2009: „Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt...“

Über Ali, unseren wackeren Taxifahrer, haben wir Dereje kennengelernt (Fremdenführer auf dem Entoto – sehr gut, aber generell bitte immer VORHER die Preise mit den guides aushandeln). Über Dereje später Yonas (sehr empfehlenswert: besitzt ein komfortables Auto für Tagestouren). Freie Zeit nutzen wir, um einige Ausflüge zu unternehmen: zur Kidus Raguel church auf dem Entoto, dem „Hausberg“ von Addis und zur Felsenkirche Washa Mikael. Wir machen eine Tagestour nach Debre Libanos, zu einem der großen Heiligtümer der orthodoxen äthiopischen Christen und zu dessen atemberaubender Umgebung. Wer das äthiopische Hochland gesehen hat, muß nicht mehr nach Arizona zum Grand Canyon fahren... In Debre Zeyit, am Lake Hora (eine Stunde südlich von Addis) hören wir äthiopischen Reggae von „Eyob“, essen Injera und trinken Honigwein. Raw oxmeat überlassen wir unseren Freunden Yonas und Dereje...

Alle Tage: „Der Reichtum Äthiopiens ist die Schönheit seiner Menschen“.

Jeder unserer Tage in Addis zeigt uns: Nicht nur die Schönheit, auch und besonders die Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit, der Fleiß, die Klugheit und das Improvisationstalent der Äthiopier sind nachahmenswert... Wir sind tief beeindruckt von Mr. Awgichew und seinem Team, von Mrs. Alem Tsehay und ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.

Mit dem 13.3.2009 und unserer Landung in Frankfurt enden unsere Aufzeichnungen trotz bester Vorsätze.

Wir sind nun damit beschäftigt unseren Rhythmus als Familie zu finden und nutzen jede freie Minute für unseren kleinen Sonnenschein. Ihre Fähigkeiten als Laufanfängerin perfektioniert sie innerhalb von Tagen- jetzt erst sehen wir, was es heißt, eine kindersichere Wohnung zu haben... Wir rüsten um!

Sie ist ein fröhliches Energiebündel, das beim Waschen, Windeln und wenn es Verboten nicht zustimmt, gerne mal den lautstarken Zwergenaufstand probt. Sie kuschelt gerne und genießt sichtlich die Zeit mit Mama UND Papa. Ihr erstes deutsches Wort war übrigens Papa...

Mittlerweile sind wir in unserer bayrischen Kleinstadt gut bekannt, denn unsere Kleine ist so freundlich, plaudert, winkt und zaubert Lächeln in die Gesichter vieler Menschen. Wir wünschen ihr von Herzen, daß sie diese herzliche, aufrichtige Offenheit, die wir in Äthiopien kennen lernen durften, in ihrem Leben bewahren kann. In den ersten 3 Monaten schlief die Kleine sehr schlecht. So waren die Nächte kurz und die Tage oft lang. Für die Partnerschaft blieb kaum Zeit- deshalb war der Tipp “ schlaft vor...” sehr hilfreich. Wir möchten euch ermutigen: nutzt die Wartezeit auf euer Wunschkind und genießt so oft wie möglich die Zeit noch zu zweit – festigt das Fundament eurer Familie ;-))

Wir freuen uns auf die Familientreffen von EfA und sind gespannt auf die neuen Berichte aus Afrika und die der anderen Eltern: es ist schön zu wissen, daß wir eine ”große Gemeinschaft” sind als Eltern für Afrika – gerade auch in den Zeiten der Unsicherheiten in der Erziehung.

Wie sagte ein Freund bei seiner Gratulation zur Ankunft unserer Tochter so schön: „Lieber auf neuen Wegen stolpern als auf alten Wegen stehen bleiben”