Erfahrungsbericht II

Unsere neue Tochter

Es ist jetzt ziemlich genau ein Jahr her, seit wir mit unserer Tochter Shegame aus Addis zurückgekehrt sind. Höchste Zeit für einen Erfahrungsbericht!

Hinter uns liegt ein spannendes und tolles Jahr, und wir würden alles nochmals genau so machen, wie wir es getan haben. Als wir letztes Jahr nach ca. 1,5 Jahren Warten nach Augsburg gefahren sind, um unseren Kindervorschlag zu bekommen, haben wir uns sofort in das kleine Mädchen auf dem Bild verliebt und sofort alles für den dreiwöchigen Aufenthalt in Addis in die Wege geleitet. Ein Schock für uns alle war es dann, als es plötzlich hieß, dass das Familienministerium die Adoption von Halbweisen nicht mehr möchte. Wir sind trotzdem geflogen und waren sehr froh, als die Adoption dann glücklich über die Bühne war und wir Shegame endlich kennen lernen konnten.

Wir verbrachten viel Zeit im Kinderheim und waren so begeistert von den Kindern, dass wir am liebsten gleich ein paar mit nach Hause genommen hätten. Unser damals siebenjähriger Sohn Tobias war voll integriert in die Kinderschar. Während dessen hat Mr Awgichew sehr engagiert gearbeitet, um die ganzen Formalitäten möglichst schnell abzuwickeln.

Es ist gut, dass das Kennenlernen langsam geht, weil bis dahin völlig fremde Menschen aufeinander treffen und vertraut zu werden Zeit braucht. Zurück in Deutschland war für Shegame alles ein einziges Staunen über das, was es da alles gibt. Sie hat riesige Mengen gegessen (man weiß ja nie, wann es das nächste Mal wieder was gibt). Irgendwann hat sie mal gesagt, dass sie immer in Deutschland bleiben möchte, weil es da genug zu essen gibt.

Es ist ein Wunder, wie schnell sich völlig fremde Menschen lieb gewinnen. Nach kürzester Zeit war es so, als ob Shegame schon immer bei uns gewesen wäre. Zärtlichkeit war ihr anfangs eher fremd, und sie hat Nähe beim Toben mit uns gesucht. Bei ihrem großen Bruder hat sie aber gesehen, wie schön es z.B. ist, morgens im Bett zu kuscheln, und inzwischen ist sie eine richtige Schmusekatze geworden. Ganz toll ist, wenn man zum ersten Mal gesagt bekommt „Ich hab’ Dich lieb!“ Dann weiß man, dass man auf einem guten Weg ist.

Deutsch hat Shegame unheimlich schnell gelernt, und auch sonst verlief die Entwicklung rasant. Vom ersten Tag an ging sie mit Begeisterung in den Kindergarten. Die meisten Dinge muss man ihr einmal zeigen und dann will und kann sie es selber machen (z.B. Schuhe binden). Nach zwei Monaten im Kindergarten hat die erste Erzieherin gemeint, dass das Kind im September in die Schule gehört. Ihrer Geburtsurkunde nach ist sie jetzt erst 5, was mit Sicherheit nicht stimmt, aber sie kommt nach einer Untersuchung beim Gesundheitsamt tatsächlich in die Schule und freut sich riesig darauf. Sie liebt jeden Sport und probiert alles aus. Angst hat sie nur vor Löwen, Schlangen und Krokodilen, wie sie sagt.

Es ist schön zu sehen, wie fröhlich und unbeschwert sie ist (sie singt und lacht sehr viel und malt fröhliche Bilder), obwohl sie eine Mama und 5 Geschwister in Äthiopien hat. Manchmal spricht sie über ihr früheres Leben, erzählt, dass sie keine Kleider hatten, nur Tücher, dass sie ohne Decke auf dem Boden geschlafen haben, dass es an manchen Tagen nichts zu essen gab… Sie hat mich auch schon gefragt, ob ich noch weiß, wie ihre Geschwister in Afrika heißen und ob ihre Mutter wohl noch lebt. Auch dass sie geweint hat, als ihre Mutter sie in ein Kinderheim gebracht hat, hat sie erzählt. Das sind immer sehr gute und tiefe Gespräche, meistens vor dem Einschlafen.

Eine gewisse Geschwisterrivalität besteht natürlich auch, anfangs hauptsächlich vom großen Bruder ausgehend. Das wäre aber auch bei leiblichen Geschwistern der Fall. Sie haben sich trotzdem sehr lieb, spielen toll miteinander und helfen einander.

Das Schwierigste für uns war die Kommunikation in der Anfangsphase, wo wir nicht erklären konnten, warum etwas jetzt so ist und wo Shegame uns auch nicht sagen konnte, warum sie jetzt beleidigt oder traurig ist. Sie hat sich dann immer unter den Tisch gesetzt und geschmollt. Wir haben uns auch schon oft gefragt, wie das sein muss, wenn man 3 Mal hintereinander erlebt, dass einen keine Menschenseele versteht. Sie hat nämlich erzählt, dass bereits im ersten Kinderheim niemand ihre Sprache gesprochen hat. In Addis musste sie Amharisch lernen und jetzt Deutsch. Es ist unglaublich, was diese kleinen Kinderseelen alles lernen und verarbeiten müssen, und das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn z.B. auch mal Verhaltensweisen auftreten, die uns unverständlich sind.

Mit Rassismus o.ä. hatten wir noch keine Probleme, was sicher daran liegt, dass unsere Tochter von allen als „total süß“ gesehen wird. Später wird da vielleicht schon mal was kommen, aber sie hat jetzt schon viele Freundinnen und Freunde, die ihr dann sicher zur Seite stehen.

Wir können aus unserer persönlichen Erfahrung heraus nur dazu ermutigen, auch ein schon etwas älteres Kind zu adoptieren. Unser Gebet war immer, dass wir ein Kind bekommen, das zu uns passt, und wir waren uns auch sicher, dass das so kommt. Shegame passt in jeder Hinsicht optimal zu uns, und der Mitarbeiter des Jugendamtes, der vor kurzem da war, meinte, dass man sehen kann, dass diese Adoption geglückt ist. Wir sind den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiern von EfA sehr dankbar, dass sie beim Matching so ein gutes Händchen haben und freuen uns auf das, was vor uns liegt.